#SorgenvonMorgen 2: Ja, verstehen die das denn nie?

Aus der Zwischenablage 2

Warum nur fangen, wenn von der Zukunft der Arbeit die Rede ist, vernünftige erwachsene Menschen plötzlich an, von Häuptlingen und Indianern zu reden?

Als ich kürzlich eine schon etwas ältere Radio-Diskussion über Unternehmerdynastien und Unternehmensdemokratie hörte, erfuhr ich erstmals von einer Skurrilität der Debatte über die Zukunft der Arbeit und mitarbeitergeführte Unternehmen, die ich bisher übersehen hatte.

Bei der Merkwürdigkeit, die mich erst zum Lachen brachte und dann im Kopf haften blieb wie ein Kaugummi, den man nicht mehr von der Schuhsohle abbekommt, handelte es sich um folgende ‚Weisheit‘: Es könne nicht nur Häuptlinge geben, in unseren Unternehmen, sondern man brauche auch Indianer. Das soll wohl im übertragenen Sinne so etwas heißen wie: Es können nicht alle den Ton angeben, sondern es braucht auch solche, die den Rand halten und stumm ausführen, was ihnen gesagt wird.

Entgegengehalten wurde dieser Einwand offenbar schon des öfteren dem Autor, Berater und ‚Unternehmensdemokraten‘ Andreas Zeuch, der als einer von zwei Buchautoren an der Diskussion teilnahm. Zeuch hat zu diesem Einwand in seinem jüngsten Buch eine geistreiche Widerlegung geschrieben, in der er darauf hinweist, dass der Häuptling den amerikanischen Ureinwohnern von den westlichen Kolonisatoren geradezu aufgedrängt wurde, weil die Europäer mit den vielfältigen Stammesstrukturen und Verantwortlichkeiten nicht so recht klarkamen. So erklärten sie wohl auch dort einen zum Chief, wo eigentlich viele mitzureden hatten.

Das lässt schmunzeln. Und nicht nur das: Dieser verrückte Indianer-Einwand ist bestens geeignet durch eine kleine Analyse dieses ‚Arguments‘ einmal aufzuklären, womit wir es bei der Skepsis gegen einen grundsätzlichen Wandel der Arbeitswelt in vielen Fällen zu tun haben. Der Einwand mit den Häuptlingen und Indianern scheint ja nämlich auf den ersten Blick nichts anderes zu sein als das rein (sprach)logische Beharren darauf, dass es doch zu jedem Begriff auch einen Gegenbegriff geben müsse, neben schwarz auch weiß und zu jeder 1 eine 0. Da fühlt man sich doch gleich genötigt, eilfertig beizupflichten, zu nicken und zu sagen: Ja, ja, wo Häuptlinge sind, da braucht es auch Indianer, denn sonst ergäben ja der Begriff und die Funktion des Häuptlings überhaupt keinen Sinn.

Nur weist uns Andreas Zeuch darauf hin, dass es – bevor die Europäer kamen – dort, wo Indianer waren (die damals ja noch nichtmals so hießen!) gar keine Häuptlinge gab, sondern Ratsversammlungen, viele weise alte Männer, geteilte Verantwortlichkeiten und dergleichen. Also kann es doch Indianer ohne Häuptlinge geben – ja und warum soll es nicht auch Häuptlinge ohne Indianer geben? Vielleicht kann man sich wirklich keine 1 ohne eine 0 vorstellen oder umgekehrt, das ergibt durchaus Sinn, weil wir es hier mit der Voraussetzung von Position und Negation, von Minus und Plus, von Nichts und Etwas zu tun haben – und diese weltstrukturierenden Gegensätze können wir wirklich nicht so ohne Weiteres aufgeben und abschreiben.

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt

Aber Häuptlinge und/oder wahlweise Indianer sehr wohl. Da brennt nichts an, da geht die Welt nicht unter. Sehr wohl aber offensichtlich die Welt einiger Unverständiger und Besorgter, die hier nicht mehr weiterdenken können. Das wiederum liegt an einem Zusammenhang den Ludwig Wittgenstein vor rund einem Jahrhundert mit dem genialen Satz „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ auf den Punkt gebracht hat. Wofür ich keine Worte habe, keine Begriffe und Wendungen, mit denen ich Welt beschreiben, deuten, ja Welt erschaffen kann, da verstehe ich nur noch Bahnhof. Respektive: Da höre ich auf zu denken und fange an zu rätseln.

Und das gilt nun offensichtlich für manche, die bei der Vorstellung, man könne hie und da ein paar Manager, Chefs und Vorstände einsparen und dafür die Belegschaften von Unternehmen zu deren gleichberechtigten Leitern machen, nicht mehr mitkommen. Und es geht mir jetzt wohlgemerkt nicht darum, sich über diese Leute lustig zu machen, sondern darum, einmal klarzustellen, warum sie nicht mehr mitkommen: Sie kommen ganz einfach deswegen nicht mehr mit, weil es in ihrer Vorstellung, in ihrer Sprache, in ihren Weltbildern das Unternehmen ohne Manager und Chefs nicht gibt, genausowenig wie es den Indianerstamm ohne Häuptling gibt. Dass es in anderen Vorstellungswelten beides eben doch gibt und vielleicht sogar in der sogenannten objektiven Realität, hilft da erstmal wenig.

Mit viel Geduld und Spucke gegen den Mangel an Möglichkeit

Es gibt aber Dinge, die können durchaus helfen. Zum Beispiel so ein Buch wie das von Zeuch, mit reichlich Fallbeispielen über eben solche mitarbeitergeführten Unternehmen und Organisationen. Oder das von Frédéric Laloux. Oder die beiden Filme mit dem schönen Titel Augenhöhe. Solche erfreulichen Dinge sind durchaus geeignet, dem einen oder anderen, der sich das bisher nicht vorstellen konnte, die Grenzen seiner Welt ein bisschen zu erweitern und (bitteschön immer auf Augenhöhe!) die Augen zu öffnen.

Wenn das klappt erweist sich die Regel, die der Existenzphilosoph und begnadete Psychologe Søren Kierkegaard aufgestellt hat, als richtig: Dass gegen Sturheit und Fatalismus, der auf einem Übermaß an verfestigter, betonartiger Wirklichkeit besteht, eine schöne Prise Möglichkeit helfen kann, nämlich ungefähr in Form einer solchen Erkenntnis: ‚Aha, das geht also auch, das könnte vielleicht sogar bei uns klappen. Wir könnten vielleicht auch ohne Häuptlinge auskommen, vielleicht sogar ohne Cowboys…‘

Somit wäre geklärt, wo das Problem liegt, wenn durch Diskussionen über New Work plötzlich Häuptlinge und Indianer geistern: Da liegt schlichtweg ein Mangel an Möglichkeit, an Vorstellungsvermögen und geistiger Offenheit vor. Und damit hat sich zumindest diese unserer #SorgenvonMorgen als denkbar harmlose Räuberpistole (will meinen: Indianergeschichte) erwiesen.

P.S.: Natürlich kann man sich auch vernünftigerweise darüber Sorgen machen, ob eine annähernde Gleichverteilung von Verantwortung in Unternehmen und anderen Organisationen nicht auch negative Auswirkungen haben kann. Aber dann müsste man doch wenigstens ein etwas intelligenteres, nicht gänzlich unpassendes Bild bemühen, wie z.B. ‚Verderben zu viele Köche den Brei?‘ Vielleicht schreibe ich mal einen weiteren Artikel zu dieser Sorge. Oder möchte das jemand anders übernehmen? Gastbeiträge sind willkommen – siehe hier!

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