„Wie wir heute denken, entscheidet darüber, wie wir morgen arbeiten und leben werden.“ (Teil 1)

Zukunftsbetrachtungen in zwei Teilen mit Bernhard von Mutius‘ Buch „Die Verwandlung der Welt“

Ohne Titel 2In Digitalzeit liegt das Jahr 2000 ein halbes Jahrhundert zurück. Mindestens. Damals, als der Autor dieser Zeilen für das Abitur büffelte, das World Trade Center noch stand und die Dot-Com-Blase sich gerade so richtig aufpumpte, kein Mensch je etwas von Facebook gehört hatte, Handys mit Farbdisplay (aber ohne Internet!) ein teures Statussymbol waren und viele noch mit Yahoo und Netscape (wer kennt das überhaupt noch?!) das Internet durchstreiften, wenn sie denn überhaupt Zugang dazu hatten. So ziemlich das einzige, was diese Zeit fast unverändert überstanden hat, ist Ebay. Ein digitaler Marktplatz. Interessante Symbolik. Aber um all das wird es in diesem Text nicht gehen.

Sondern um ein Buch, das geschrieben wurde, bevor die Digitalisierung richtig über uns hereinbrach und dafür sorgte, dass wir nur anderthalb Dekaden zurückblicken müssen, um das Gefühl zu bekommen, das Heute von heute sei etwas vollkommen anderes als das Morgen von gestern. Und dass wirklich keiner gestern hätte ahnen können, wie dieses Morgen heute aussieht. Aber mindestens einer wusste es schon damals. Natürlich nicht in jedem Detail und jeder Facette. Aber beeindruckend genau. Er heißt Bernhard von Mutius und hat im Jahr 2000 das damals hoch gelobte und heute vergriffene und fast vergessene Buch „Die Verwandlung der Welt – Ein Dialog mit der Zukunft“ veröffentlicht. In dieser zweiteiligen Serie möchte ich an Hand dieses grandiosen Buches zeigen, wie klug, angemessen und zutreffend man über Gegenwart und Zukunft denken und reden kann, wenn man drei wichtige Grundregeln beachtet:

1. Denke nicht linear, sondern komplex.

2. Zerlege die Dinge nicht nur in ihre Einzelbestandteile (Analyse), sondern denke sie auch zusammen (Synthese).

3. Lähme Menschen und Organisationen nicht durch pseudoobjektive Prognosen, sondern eröffne Handlungsperspektiven.

Denn all diese Regeln hat Bernhard von Mutius in vorbildlichster Weise in seinem Buch beachtet. Und das Ergebnis ist eines, das noch heute, oder erst recht heute, auf allen Schreibtischen derjenigen liegen sollte, die man Entscheider nennt. Wenn Sie eine(r) von denen sind und das Buch noch nicht gelesen haben – dann herzlichen Glückwunsch! Gerade erhalten Sie die einmalige Chance zu einer bewusstseinserweiternden tour d’horizon durch Zukunft und Gegenwart der Digitalisierung, der Ökonomie und der Arbeit – und übrigens auch der Politik und der Wissenschaft. Aber auch allen anderen kann man gratulieren: Denn EntscheiderInnen werden immer mehr. Auch das lässt dieses Buch hoffen. Niemandem kann es somit schaden, etwas über das neue Denken und die neuen Perspektiven auf unsere Wirklichkeit zu lernen, die es eröffnet.

Aber ich spüre schon, wie ich die ersten Leser verliere, wie sie missmutig ein „Too long, didn’t read“ murmeln und durch Klick auf den nächstbesten Hyperlink von dannen ziehen. Nein, halt, bleibt hier, es geht schon los, bzw. zur Sache! Wir zäumen das Pferd direkt und justamente von hinten auf und beginnen mit Regel 3:

Lähme nicht durch pseudoobjektive Prognosen, sondern eröffne Handlungsperspektiven!

Bernhard von Mutius ist und war kein Anfänger auf dem Gebiet der Zukunftsbetrachtung. Schon zu einer anderen Zeitenwende, nämlich 1989, bewies er gleichermaßen Geistesgegenwart wie Voraussicht und gründete das, laut Wikipedia „wissenschaftliche, interdisziplinäre Bergweg-Forum ‚Denken der Zukunft e. V.’“. Dort gaben sich einst, betrachtet man die Auflistung der Referenten auf von Mutius‘ Website, führende (systemische) Denker wie Heinz von Foerster, Humberto Maturana, Carl-Friedrich von Weizsäcker die Klinke in die Hand.

Das Buch schrieb also jemand, der Ahnung hat. Aber wer sich mit der Gegenwart und der Vergangenheit auskennt, der weiß deshalb noch lange nichts über die Zukunft. Um das zu verstehen, muss man kein Experte für irgendetwas sein – das erschwert es womöglich nur -, sondern man braucht nur ein wenig Lebenserfahrung. Vielleicht wegen dieser allgemeinen Schwierigkeit, vielleicht auch, weil er sich nicht nur mit Vielem aus- sondern auch so viele kluge Menschen persönlich kannte, blieb der Autor auf dem Teppich. Statt wild drauflos zu fabulieren, fragte er lieber dreimal nach, und zwar eben dort, wo man noch mehr Ahnung hatte, als er:

Wer kenntlich machen möchte, was Informationsgesellschaft oder Wissensgesellschaft, digitale Revolution oder biotechnische Revolution bedeuten könnten, muss diejenigen befragen, die das Verständnis dieser Begriffe prägen. Wer herausfinden will, was es mit der globalen Vernetzung auf sich hat, muss sich bei denen erkundigen, die damit experimentieren und in ihr operieren. Wer der Frage nachgehen will, welche Konsequenzen dieser vielschichtige Wandel in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur haben könnte, muss auf die hören, die das Veränderungstempo bestimmen oder es kritisch reflektieren. Im Verlauf der Arbeit an diesem Buch habe ich mit vielen Wissenschaftlern und Unternehmensführern, Medien- und Kommunikationsforschern, Vor- und Nachdenkern aus unterschiedlichen Disziplinen Gespräche geführt. (S. 10)

Natürlich kann man immer und jederzeit auf die Idee kommen, Leute zu fragen, die sich auskennen, wenn man selbst nicht sicher ist, ob man den Überblick über ein Thema hat. Das ist sogar eine Haltung, die täglich populärer wird, und die, möchte ich hier mal ganz unbescheiden behaupten, auch nicht wenig mit denjenigen zu tun hat, die nach 1980 geboren wurden. ‚Total Generation Y, der von Mutius!‘ könnte man also sagen, und ‚Total New Work!‘. Nur ist von Mutius Jahrgang 1949 und sein Buch erschien, als alle noch von der ‚New Economy‘, nicht aber von der Zukunft der Arbeit fabulierten – und die Generation Y gerade die Schulbank drückte. Von Mutius hat also weniger einen bestehenden Trend aufgegriffen, als vielmehr die postmoderne Essenz dessen erfasst und vorweggenommen, was heute noch immer eher unbewusst und vielstimmig durch die Angehörigen der Generation Y artikuliert wird – und was in den Schulen und Universiäten, die ich und viele andere meiner Generation besucht haben, um das Jahr 2000 noch lange nicht richtig angekommen war:

Wenn wir die vielschichtigen Veränderungsprozesse verstehen und die Zukunft gestalten wollen, müssen wir den Gedanken einer beobachterunabhängigen Erkenntnis aufgeben und uns von der Vorstellung einer verbindlichen Zentralperspektive verabschieden. (S. 15)

Vulgo: Es gibt nicht die eine Lehre oder gar den einen, der recht hat! Es gibt keine Perspektive, aus der man unabhängig und objektiv auf das große Ganze oder auch nur einen einzelnen Gegenstand schauen könnte. Es gibt nicht die eine Wahrheit! Aber das kommt Ihnen doch schon bekannt vor, klingt nach kaltem Kaffee aus den 1950er Jahren? Jaja, seit Jahrzehnten plappern das alle nach, aber zeigen Sie mir mal jemanden, der das wirklich, tief drinnen, verstanden und verinnerlicht hat. Es ist das vielleicht größte Unglück unserer Zeit: Einerseits wissen wir nur zu gut, dass wir nichts wissen können. Andererseits verleugnen wir dieses Wissen um unser Nichtwissen womöglich stärker, als jede Epoche zuvor. Willkommen in der Wissensgesellschaft der Unwissenden! Und wenn die sich anschickt, über die Zukunft zu reden, dann kommt so etwas heraus wie die ‚demographische Katastrophe‘. Wo bitte, bleibt die? Naja. Dafür gibt’s ja jetzt eine Flüchtlingskrise. Und vielleicht bald massiven Jobabbau durch die Digitalisierung. Dazu lassen sich ja auch schöne Prognosen anstellen…

Von Mutius dagegen, ist für seine Umsicht und Bescheidenheit gar nicht genug zu loben. Erstens vermeidet er damit einen Fehler, den viele selbsternannte Zukunftsforscher nur zu gern machen: Eine Prognose zu einem komplexen Zusammenhang auf der Basis einer monokausalen, linearen Entwicklung erstellen (mehr dazu, wenn wir zu Regel 1 kommen). Denn ein solches Vorgehen kann wunderbar aufgehen, wenn ich etwa die voraussichtliche Kapazität von Lithium-Ionen-Akkus in den nächsten fünf Jahren prognostizieren will – und es keinen technologischen Entwicklungssprung und keine wesentliche Veränderung in puncto Verfügbarkeit der für die Batterieherstellung benötigten Ressourcen gibt oder andere unvorhergesehene Ereignisse. Schwierig genug, also, aber grundsätzlich machbar. Nur – und das weiß von Mutius nur zu gut – droht stets ein Versagen solcher Prognosemethoden, wenn es darum geht, komplexe Prozesse in sozialen Systemen vorauszusagen, wie etwa die Entwicklung der Einwohnerzahl Deutschlands in den nächsten Jahrzehnten.

Aus der Zwischenablage

Aber er erspart uns nicht nur oberflächliche und im Rückblick nicht selten lächerliche Zukunftsvorhersagen. Er leistet noch viel mehr: Indem er die postmoderne Ungewissheit nicht nur als abstrakten Umstand anerkennt, um sie gleich danach wieder abzutun, als für die Praxis unerheblich und für die Leser überfordernd, reicht von Mutius eben so viel Komplexität an seine Leserinnen weiter, wie die eben noch ertragen können.  Wer das macht und dabei trotzdem noch so viel Kluges, Richtiges und vor allem praktisch Verwertbares zu erzählen hat wie von Mutius in ‚Die Verwandlung der Welt‘, der hat mehr als nur ein Lob verdient.

Denn durchaus hat der Autor in seinem Buch manches zu sagen, zu den erwartbaren Entwicklungen einer zusehends digitalisierten und globalisierten Welt. Und vieles davon wirkt, als sei es – als Gegenwartsanalyse! – gerade gestern geschrieben worden, nicht aber bereits vor 16 Jahren. Und von vielen Empfehlungen die von Mutius an Politikschaffende, Unternehmer und Medienvertreter in seinem Buch weitergibt, würde man sich wünschen, sie seien doch schon damals und nicht erst heute (oder auch noch immer nicht) beachtet worden. Das alles erreicht der Autor aber eben nicht über einen Blick in die Glaskugel, sondern durch die seriöse und sorgfältige „Erkundung von Möglichkeitsräumen“ (S. 11). Das ist beeindruckend: Statt künstlich Variablen auszuschließen, und dann in einer radikal vereinfachten Wirklichkeit Pfadabhängigkeiten herunterzuleiern, versucht von Mutius den gesamten Horizont des Möglichen abzuschreiten. Das erhöht, mit Heinz von Foerster gesprochen, die Anzahl der Wahlmöglichkeiten deutlich.

Denn eine solche Herangehensweise, die sich nicht festlegt, sondern das Mögliche nur möglichst genau einzukreisen versucht, hat einen großen Vorteil: Sie leugnet nicht, dass wir selbst Teil des Veränderungsprozesses sein können, ja müssen, weil wir uns nicht in die „verbindliche Zentralperspektive“ eines unabhängigen Beobachters davonstehlen können. Statt uns in der scheinbaren Sicherheit einer objektiven Vorhersage zu wiegen, bürdet uns eine solche Perspektive aber nicht nur unangenehme Verantwortlichkeiten auf, sondern auch Gestaltungsmöglichkeiten. Sie macht deutlich: Unser Denken, Reden und Handeln wird die Zukunft vielleicht marginal, vielleicht sogar entscheidend prägen. Es ist das gerade Gegenteil zu jenen Trendprognosen, die, wahlweise als Utopien oder Untergangsszenarien inszeniert, vor unseren Augen abgespielt werden wie ein längst abgedrehter Hollywoodfilm: Fachkräftemangel, Klimakatastrophe, 1 Millionen E-Autos bis 2020 usw. usf. Bei von Mutius dagegen hängt alles von uns und unserem Denken und Handeln ab. Und zwar rekursiv und interdependent. Zukunft 2.0, sozusagen. Aber diesen Begriffen widmen wir uns noch, wenn wir zu Regel 1 kommen. Jetzt geht’s erst einmal um Regel Numero Zwo:

Zerlege die Dinge nicht nur in ihre Einzelbestandteile, sondern denke sie auch zusammen!

Wer „Die Verwandlung der Welt“ liest, kommt nicht umhin zu bemerken, dass da einer über (Allgemein)Bildung verfügt. Das Buch strotzt nur so von Zitaten und Aphorismen, nicht nur aus zeitgenössischer Literatur, sondern aus der gesamten abendländischen Geistesgeschichte und darüber hinaus. Dass jemand ‚eine Bibliothek verschlungen‘ hat, ist allerdings bekanntlich keine Garantie dafür, dass er auch über Bildung im wahren, im ursprünglich humanistischen Sinne verfügt. Über eine Bildung, von der auch dann noch etwas übrig bleibt, wenn man alles Gelernte wieder vergessen hat, wie einmal ein Reformpädagoge frech formulierte. Genau über eine solche Bildung aber, verfügt Bernhard von Mutius. Eine Bildung die Orientierungsvermögen schenkt, die interdisziplinär denkt und die sich nicht mit jeder Problemanalyse nur einen weiteren Ausweg zur Lösung versperrt. Aber langsam. Was ist so gut und so empfehlenswert an von Mutius‘ verknüpfendem, synthetischen Denken, was ist dessen Nutzen?

Nun: Der Autor macht in seinem Buch vor, wovon andere seit Jahrzehnten immer nur reden – er arbeitet inter- und transdisziplinär. Mehrere Disziplinen und Perspektiven vereint er schon in seiner Person: Er ist Sozialwissenschaftler und Philosoph, aber auch in ökonomischen Fragen versiert. Er coacht Führungskräfte und berät die Politik. So schwingt vielleicht auch etwas Selbstlob und -werbung mit, wenn er an einer Stelle des Buches den Grenzgängern und Verknüpfern eine große Zukunft vorhersagt. Aber: Er hat einfach recht. Denn dass diese interdisziplinäre und multiperspektivische Herangehensweise Gold wert ist, wenn es etwa um so schwer überschaubare Fragen geht, wie sie uns hier besonders interessieren – also große sozioökonomische Megathemen wie die Zukunft der Arbeit und die dort zu erwartenden ‚Trends‘ und Entwicklungen – das zeigt sich rasch und eindrucksvoll.

Aus der Zwischenablage

Wer es noch nicht gehört hat, kann es in einer prägnanten Studie des Instituts für Arbeitsdesign und Zukunftstechnologien nachlesen: Zur Zukunft der Arbeit und hier besonders in Bezug auf die Digitalisierung gibt es gegenläufige Prognosen. Da ist einerseits die euphorische Silicon-Valley-Variante: Disruptionen bis zum Abwinken, technologischer und gesellschaftlicher Fortschritt, stark erhöhte Produktivität und Innovationskraft, glückliche Firmeninhaber, Mitarbeiter und Kunden. Und auf der anderen Seite das typisch deutsche Untergangsszenario: Massive Arbeitsplatzverluste, das Einbüßen der German Weltmarktführerschaft in vielen Bereichen, totale Entgrenzung und gleichzeitige Überwachung der Arbeit, gefledderte Firmen, ausgebrannte Mitarbeiter.

Aus der Zwischenablage

Hier wirken zwei Dinge gegeneinander, die man besser miteinander vereinte. Auf der einen Seite: Die Hybris der Visionäre, die technologische Potenz in ökonomischen und gesellschaftlichen Nutzen umrechnet, ohne dabei die Komplexität und Langwierigkeit sozialer Transformationsprozesse zu berücksichtigen. Von Mutius mahnt:

Trotz der zunehmenden Innovationsdynamik wird das Tempo der meisten Veränderungen weitaus geringer sein, als es unsere gleichsam im Zeitraffer vorgenommenen Beschreibungen vermuten lassen. Tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen brauchen mehr Zeit als technische Innovationen und neue Produktentwicklungen. Wir dürfen weder das Beharrungsvermögen der sozialen und politischen Systeme unterschätzen noch die Anpassungsfähigkeit der Menschen überschätzen. (S. 63)

Auf der anderen Seite: Die typisch akademische und ebenso einseitige Analyse, die in ihre Rechnung nur die (vergleichsweise) sicheren Verluste, nicht aber die möglichen Gewinne einschließt. Das hat etwas mit der stets negatorischen, also verneinenden Art ach so seriöser Wissenschaft zu tun, die mit ihren rein analytischen, also die Wirklichkeit immer nur zerlegenden aber niemals zu neuen Möglichkeiten verknüpfenden Instrumenten versagt, wenn es darum geht, Möglichkeitsräume zu erforschen. Von Mutius empfiehlt:

…die Welt versuchsweise einmal mit den Augen des anderen zu sehen. Also auf der einen Seite nicht nur positiv pragmatisch auf die unbegrenzten Möglichkeiten einer vernetzten Zukunft zu schauen, sondern auch kritisch reflektierend mögliche Verstrickungen zu betrachten. Oder auf der anderen Seite nicht nur zweifelnd und kontemplativ Probleme zu bedenken, sondern auch den Mut zu haben, unbekümmert und aktiv neue Aufgaben anzupacken und sie kreativ zu lösen. (S. 308)

Dass der Wandel der Arbeitswelt Risiken und Chancen, neue Möglichkeiten und neue Probleme bedeutet, ist natürlich auch längst ein Allgemeinplatz. Die gleichzeitig kritische und doch zupackend-konstruktive Haltung, wie sie von Mutius hier beschreibt und wie sie gebraucht wird, um wirklich nachhaltige und für alle förderliche Veränderungen zu erwirken, entsteht aber nicht aus dem Nachbeten solcher allgemein bekannter Phrasen. Sondern aus der Bereitschaft, die Dinge miteinander und durcheinander zu denken, die Zusammenhänge erst scharfsinnig zu analysieren um sie dann neu zu kombinieren. Das ist keine Trivialität, sondern hohe Kunst. Sie sollte Nachahmer finden,  denn nur so entsteht in schwierigen Problem- und Konfliktfällen die Chance für „Lösungen zweiter Ordnung“:

Man lässt die bisherigen kontroversen Positionen unangetastet, schafft statt dessen einen neuen Bezugsrahmen, einen neuen Kontext oder – z.B. durch die Verwendung einer Metapher – eine neue Bedeutung. Auf einmal kommt wieder Bewegung ins Spiel. Man kündigt den Konsens des Dissens auf und beginnt, sich mit neuen Ideen zu beschäftigen, die man vorher für undenkbar hielt. (S. 283)

Ist das Disruption? Ist das die Fähigkeit über Mitbestimmung und Partizipation im Unternehmen nachzudenken und dabei nicht nur über unbeschäftigte Manager zu stöhnen oder faule Mitarbeiter zu fürchten, sondern ungehobene Potenziale in der Belegschaft zu entdecken? Ist das ein Denken, das im allmählichen Abschied von der Präsenzkultur nicht den Untergang des Büros und des Feierabends erblickt, sondern die Herausforderung und Chance, Zusammenarbeit neu zu organisieren?

Wie immer man es auch benennen und beschreiben möchte: Derartiges gelingt eben niemals durch die bloß fortgesetzte Ableitung und Wiederholung des immer Gleichen, des alten ideologischen Käses, den man in den Disziplinen der Wissenschaft, den Fachabteilungen der Konzerne oder den eingeschworenen Zirkeln der politischen Parteien schon ewig in die Runde rührt. Sondern nur durch ein neu kombinierendes, verknüpfendes Denken, durch „eine veränderte Stellung des Kopfes“ (S. 259).

Was es mit dieser veränderten Stellung des Kopfes noch alles auf sich hat, erläutern wir im zweiten und abschließenden Teil dieser Serie. Dann geht es um Linearität vs. Rekursivität, um einfältiges vs. komplexes Denken. Und um alles, was unbedingt noch gesagt werden muss, über ein derart inspirierendes Buch. Genau hier, ab Freitag, dem 20. Mai. (Dieser Teil erschien, wegen des herannahenden Feiertagswochenendes, ausnahmsweise schon am Mittwoch.)

Auch mal richtig tief ins Buch schauen? Für diesen Artikel gelesen:
Mutius, Bernhard von: Die Verwandlung der Welt – Ein Dialog mit der Zukunft, Klett-Cotta, Stuttgart 2000 (leider nur noch antiquarisch und in guten Bibliotheken erhältlich)

Advertisements

Eine Antwort zu “„Wie wir heute denken, entscheidet darüber, wie wir morgen arbeiten und leben werden.“ (Teil 1)

  1. Pingback: Disruptive Thinking - 7 Thesen·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s