Resonanz (Teil 2)

Was Changemanager und Personalentwicklerinnen manchmal falsch machen – und warum sich Arbeit nicht nur besser anfühlen, sondern auch bessere Resultate erbringen würde, wenn wir endlich aufhörten, Geld mit Glück zu verwechseln.

Nur in den Bereichen, in denen Subjekte von einer Sache wirklich berührt und ergriffen werden, nur dort, wo sie sich selbst aufs Spiel setzen und zur Selbstverwandlung bereit sind, können sie wirklich innovative und herausragende Leistungen erbringen – das wissen Unternehmen wie Unternehmensberatungen; […] und das wissen auch die Individuen. (S. 623)

Ohne seinen Kontext, in dem dieses Zitat des Soziologen Hartmut Rosa in dessen Buch Resonanz steht, kann man es so verstehen: In Wirtschaft und Gesellschaft, bei Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmern ist hinlänglich bekannt und verstanden, worum es geht, wenn von Resonanz die Rede ist. Alle wissen, wie wichtig ein persönlicher Bezug, die Identifikation mit den in der Arbeit begegnenden Dingen und Menschen ist, um Außergewöhnliches zu leisten. Alle setzen darauf und stellen die idealen Bedingungen her, damit Menschen in ihrer Arbeit etwas von sich wiederfinden und möglichst alle ihre Talente in sie hineingeben können.

Hm. Finden Sie den Fehler?

Richtig: Um zu bemerken, dass an dieser Beschreibung etwas nicht stimmt, muss man nicht Soziologie studiert haben, und auch nicht noch einmal ganz genau ins Buch schauen (das machen wir hier nämlich, wie immer, um Lösungen zu finden, nicht um offensichtliche Probleme zu verschleiern). Nein. Man muss nur mit offenen Augen durch die (Arbeits)welt gehen. Oder Filme gucken. Besonders augenöffnend ist nämlich der Dokumentarfilm Work hard, play hard, auf den ich schon im ersten Teil dieses Artikels Bezug genommen habe: Im Film sieht man viele in den Farben grau, schwarz und weiß gekleidete Frauen und Männer, die vor grauen oder weißen Wänden auf schwarzen Stühlen sitzen, ernst schauen und über wichtige Dinge reden. Es ist eine schon von den ästhetischen Reizen her fast vollkommen resonanzlose Umgebung, in der hier Fragen der Personalentwicklung, des organisationalen Wandels (Change) und der Unternehmenskultur besprochen werden.

Dieser Hintergrund allein, der zwar einerseits hervorragend als Bühnenbild und Staffage eines oberflächlichen und lachhaften Business-Theaters (Lars Vollmer) genutzt werden kann, aber genauso die Szenerie eines aufregenden, berührenden und zu kreativer Tätigkeit motivierenden Unternehmens im besten Wortsinne bilden könnte, ist natürlich noch kein Grund, das dahinter stehende Verständnis von Arbeit und Zusammenarbeit in Bausch und Bogen zu verdammen. Er ist nicht mehr als ein Hinweis, dass hier etwas nicht stimmen könnte. Dass allerdings in den im Film gezeigten Unternehmen wirklich eine ganze Menge nicht zusammenstimmt – vor allem die Menschen und ihre jeweiligen Versuche, miteinander zu kommmunizieren und schließlich zu kooperieren – das wird dann am Inhalt der Gespräche, oder besser: der Monologe der im Film portraitierten Personalentwickler, Changemanager und Berater besonders deutlich. Da tut sich ein entsetzlich tiefer Abgrund auf, zwischen Wollen und Können.

Vielleicht ist das so, weil sich die Akteure durchaus anspruchsvollen Zielen verschrieben haben. Ganz im Sinne unseres Eingangszitats wollen sie mit den Mitarbeitern aufs Ganze gehen: Die Angestellten des jeweiligen Unternehmens sollen sich von ihren Aufgaben berührt und ergriffen fühlen, sie sollen den Change (ob der gesamten Organisation, ihrer Abteilung oder der eigenen Persönlichkeit) als ihre ureigene Aufgabe und Herausforderung erkennen und eifrig wie das Eichhörnchen beim Nüssesammeln, wachsam und flink von Aufgabe zu Aufgabe, von Problem zu Problem und schließlich zur Lösung flitzen. Und das alles am Besten im Flow. Sie sollen sich komplexen Problemen stellen und diese meistern, und zwar mit tief empfundenem Commitment und echtem Team Spirit.

Aus der Zwischenablage

Das klingt alles ein bisschen überfrachtet und übertrieben, aber ist an und für sich ja noch keine unsympathische, vielleicht sogar eine erstrebenswerte Vision. Das Dumme ist nur: Die von außen angeheuerten oder selbst ernannten Ingenieure und Regisseurinnen des Change von Organisationen und Persönlichkeiten verbreiten bei ihren Auftritten reichlich miese Stimmung. In emotionsloser, ja manchmal gnadenloser Sprache und mit meist eiskalter Mimik verkünden sie ihre einsamen Beschlüsse – und stellen MitarbeiterInnen, die ihnen angsterfüllt jedes Wort von den Lippen ablesen, wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange sitzend, vor vollendete Tatsachen. Da sind die derart mit den vielfach unüberschaubaren Herausforderungen des Change alleingelassenen Angestellten schon dankbar, wenn sie am Ende mit der simplen Aufforderung davonkommen, weiter in dem Hamsterrad, das man Arbeitsstelle nennt, ihre Runden zu drehen.

Resonanz heißt auf andere hören – nicht ihnen Befehle zu geben

Was läuft hier falsch? Es sind sicherlich nicht die grundsätzlichen Zielsetzungen, über das Normale, das Alltägliche hinaus zu gelangen. Es sind nicht die Hoffnungen, mit einem Unternehmen und seiner Belegschaft Krisen zu überwinden und Großes zu schaffen. Es spricht daraus ja sogar ein grundsätzliches Verständnis dafür, dass Arbeit nicht einfach nur irgendein Job sein soll, sondern etwas Besonderes, eine ganz individuell und persönlich verstandene Aufgabe, Herausforderung und Berufung an der Menschen und Organisationen wachsen wollen und sollen. Nein, was hier fehlt ist vielmehr das Verständnis für die Bedingungen der Möglichkeit (großes philosophisches Wort!) einer solchen Entwicklung.

Im ersten Teil haben wir darüber gesprochen, dass auch das ausgefeilteste Gesundheitsmanagement ein Unternehmen und seine Mitarbeiter nicht notwendig zu einer als gesund, befriedigend und sinnvoll empfundenen Arbeit führt. Weil Rückenschule und ergonomische Bürostühle allein nicht verhindern können, dass sich entkörperlichte und über weite Distanzen und Zwischenstationen ausgeübte Arbeit manchmal einfach taub und fade anfühlt – auch dann, wenn der Rücken nicht mehr schmerzt. Aber nicht nur das: Wo körperliche Rückmeldungen und damit unmittelbare Befriedigung in einer Arbeit nahezu ausgeschlossen sind, suchen wir nach anderen Resonanzquellen. Damit gelangen wir – das schreibt Hartmut Rosa nicht so, aber mit diesem Schema lässt sich recht gut arbeiten – auf eine neue Ebene der Suche nach Resonanz. Und zwar vom Körperlichen ins Soziale.

Antworten, Rückmeldungen, Bestätigungen, konstruktive Kritik, Inspiration und Ermutigung in der Arbeit werden nämlich die weitaus meisten von uns bei ihren Kolleginnen, Vorgesetzten, Kunden und Geschäftspartnerinnen suchen. Also in der alltäglichen und nach Paul Watzlawick sowieso schlechthin unvermeidbaren Kommunikation mit anderen Menschen. Genau so einen Prozess wollen die Changemanager, Teambuilder und Personalentwicklerinnen dieser Welt ja auch nur zu gern anstoßen, weil sie durchaus wissen, dass gute Arbeitsergebnisse und damit unternehmerischer Erfolg davon abhängen, dass Menschen auch gut zusammenarbeiten. Wenn sie aufeinander hören, sich für die Meinung und Expertise der anderen öffnen, und durch stetigen Informationsfluss in alle Richtungen sicherstellen, dass alle gemeinsam am selben Strang ziehen. Das kann man Team Spirit nennen, aber es ist eben auch eine besondere Form von Resonanz, einer Resonanz zwischen Menschen.

Schön und gut. Nun aber kommen wir zu einem wichtigen Punkt, der erklärt, warum längst nicht immer eintritt, was sich alle so sehr wünschen. Es geht um eine eigentlich triviale Erkenntnis: Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Hartmut Rosa drückt das zum Beispiel so aus: „Der Versuch, alle Bedingungen zu kontrollieren und möglichst sicherzustellen, dass nichts stört, verhindert paradoxerweise den Zustand dispositionaler Resonanz […].“ (S. 635). Hier aber haben wir es nur mit der Hälfte eines komplizierten Soziologensatzes von vielen zu tun und müssen jetzt erst einmal ein bisschen ausholen, um zu erklären, was im tieferen Sinne damit gemeint ist.

Resonanz also, lässt sich nicht erzwingen. Das klingt eigentlich logisch. Rosa leitet Resonanz, ganz wie es sich nach der Etymologie (der Lehre von der Herkunft und Geschichte der Wörter) gehört, vom Schall und damit von der Akustik ab. Was resoniert, das wird in Schwingung versetzt durch eine Klangquelle. Wenn ich zum Resonanzkörper werden will, dann kann ich zwar von anderen fordern: ‚Bringt mich zum Schwingen!‘, aber es geschieht erst wirklich dann, wenn jemand die richtige Frequenz trifft, die mich eben in Schwingung versetzt. Ich spare mir die ausführliche Übertragung dieses Bildes in die Realität, Sie kennen das. Menschen, Dinge und sogar niedliche Kätzchen können einen manchmal ganz schön kalt lassen, wenn sie auf der falschen Wellenlänge funken, bzw. man auf dieser gerade nicht erreichbar ist. Da lässt sich dann auch erstmal nicht viel machen.

Aus der ZwischenablageWir sollten aber nicht so trivial bleiben, denn das tut Hartmut Rosa auch nicht. Was bedeutet Resonanz in einem tieferen Sinne? Wie gelangt man in eine Beziehung zu Menschen, Dingen und sogar hässlichen alten Katern, die geeignet ist, ein Gefühl des Hörens und Gehörtwerdens, der gegenseitigen Berührung und des Austauschs zu erzeugen? Denn Beziehung, so Rosa, ist hier das Schlüsselwort, weil es um Prozesse geht, die man auf der physikalischen Ebene von Schwingungen und Schallwellen allein nicht mehr erklären kann. Nun: Wie man (haltbare und ertragreiche) Beziehungen aufbaut, das wissen die meisten von uns: Mit viel gutem Willen, Vertrauen, Geduld, gegenseitiger Wertschätzung, Offenheit und Respekt. Und ganz sicher nicht durch Zwang.

Hier nun aber machen manche Changemanager, Teambuilder und Personalgurus einen entscheidenden (Denk)fehler. (Wie wir allerdings gleich sehen werden: Nicht nur sie.) Sie nehmen eine Hand voll, zwei oder drei dutzend oder auch gleich hunderte bis tausende Angestellte, werfen sie in einen Topf, machen die Augen feste zu und schlagen mit einem groben aber stabilen Holzlöffel darauf und brüllen: TEAM SPIRIT! COMMITMENT! PERFORMANCE! CHANGE! Sie meinen eigentlich: Eine nachhaltige Veränderung der Unternehmenskultur und des Selbstverständnisses der Mitarbeiter. Sie meinen: Zuhören, Aufhorchen, gemeinsam agieren und reagieren. Sie meinen irgendwie auch: Resonanz. Aber sobald sie aufhören, auf den Topf zu schlagen, hört dieser auch schon auf zu schwingen – und jegliche Resonanz bleibt aus.

‚Immer schneller, immer mehr!‘ ist keine Antwort, sondern ein modernes Missverständnis

Es geht mir hier aber nicht darum, eine Berufsgruppe zu brandmarken, die eigentlich nur unter einem Missverständnis leidet, dem wir in mehr oder weniger großem Ausmaß allesamt unterliegen. Denn wie kommen Menschen eigentlich auf die Idee, man könnte etwas so fragiles und komplexes wie Resonanz im Handstreich durch Beschluss und Anweisung erzeugen? Oder, wenn Sie eine gebräuchlichere Formulierung bevorzugen: Wie kommen Menschen darauf, man könnte Kultur und Werte einer Organisation von jetzt auf gleich verändern? Nun ja, sie machen sich eben gar kein so genaues Bild von den Zusammenhängen. Sie sagen sich nur: Irgendwie müssen wir besser, erfolgreicher, größer, cooler werden! Irgendwie müssen wir weiterkommen, mehr erreichen und leisten, etwas Großartiges schaffen! Das aber, sagt Hartmut Rosa – und wer möchte ihm da widersprechen – ist so ein typischer Zug von uns modernen Menschen. Wir fahren ein Programm des Immer-Schneller und Immer-Mehr. Rosa nennt das eine „Ressourcenorientierung“ und dieses Projekt des modernen Menschen eines der „Weltreichweitenvergrößerung“. Da die Menschen unserer Epoche, schreibt Rosa,

…nicht sicher sagen können, was ein gutes Leben ist, welcher Konzeption von Glück sie folgen wollen und welches ihr innerer Kern oder ihr inneres Maß ist, sind sie nachgerade gezwungen, sich auf ihre Ressourcenausstattung zu konzentrieren. Denn ganz unabhängig davon, welche Vorstellung vom guten Leben sie für sich akzeptieren wollen, vergrößern sie ihre Möglichkeiten und Chancen, diese Konzeption einmal umzusetzen, wenn sie ihre Ausgangslage verbessern. […] Sich Rechte und Positionen zu sichern, mittels Geld, Wissen und Beziehungen buchstäblich die physische, soziale und technische ‚Weltreichweite‘ zu vergrößern, seine Fähigkeiten zu erweitern, seine Netzwerke auszudehnen etc. erweist sich als eine, nein: als die geeignete Lebensstrategie […]; sie sichert nicht per se ein glückliches Leben, verbessert aber die Ausgangsbedingungen dafür, es zu erreichen. (S. 45)

Ach ja! Schaffe, schaffe, Häusle baue! Von nichts kommt nichts! Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt! Mein Haus, mein Auto, mein Boot! Mein Glück? Auf die eine oder andere Art sind wir alle mit dabei in diesem mehr oder weniger sinnvollen Wettlauf um immer mehr. Nur wovon? Was wir eigentlich wollen, sagt Rosa, ist Resonanz:

Das Projekt der Moderne wird bestimmt durch die Strategie der Weltreichweitenvergrößerung, aber es wird motiviert von der Hoffnung auf Weltanverwandlung.[…] Das gesamte psychoemotionale Vokabular der Moderne lebt von diesem Versprechen. Insbesondere spätmoderne Subjekte versuchen unentwegt, ihre Gefühle zu verstehen, ihren Körper zu spüren, harmonische Familienbeziehungen zu etablieren, sich beruflich zu verwirklichen, künstlerisch zu entfalten, spirituell weiterzuentwickeln. Sie sind damit in allen Dimensionen ihres Lebens auf der Suche nach Antwortbeziehungen und Resonanzerfahrungen. (S. 599)

Wir sind alle auf der Suche – oder sollte man sagen: auf der Jagd? – nach diesem einen magischen Moment, wo wir in den Sonnenuntergang reiten und uns sagen können: Jetzt habe ich’s geschafft, das ist es! Der Moment, wie Rosa bemerkt, zu dem Goethes Faust gern gesagt hätte: „Verweile doch, du bist so schön!“ Vielleicht könnte das z.B. der Moment sein, in dem wir merken, dass wir den Change in einem Unternehmen wirklich so weit getrieben haben, dass es den Markt erobern und weiter expandieren kann, oder wenn sich herausstellt, dass unser Team seine Zusammenarbeit derart optimiert hat, dass die Arbeit jetzt doppelt so schnell erledigt werden kann. Oder wenn wir endlich die richtige Position erlangt haben, um in unserer Karriere so richtig durchzustarten. Um dann…um dann…ja was eigentlich?

Ja, was wollen wir eigentlich? Resonanz sagt Rosa. Schwieriges Wort. Immer noch. Zufriedenheit könnte man auch sagen. Glück. Und das wäre durchaus im Sinne des Soziologen, wie sich an den letzten beiden Zitaten erkennen lässt. Zum Glück aber gibt es schöne, treffende Sinnsprüche. Zum Beispiel: Glück lässt sich nicht erzwingen. Oder: Glück ist nicht das, was eintritt, wenn Du all Deine Ziele erreicht hast. Wenn wir nur mal danach handeln würden! – findet jedenfalls Rosa. Weil jedenfalls Resonanz als Glückslieferant ausfällt, bzw. gar nicht erst in Frage kommt, wenn wir ernsthaft glauben, sie erzwingen zu können.

Stattdessen arbeiten wir, so Rosa, auch wenn wir das gar nicht wollen, ständig an der Etablierung „stummer Weltbeziehungen“. Damit meint er den zumeist überhaupt nicht vibrierenden Draht zwischen mir und dem Geld, das auf meinem Konto liegt bzw. der Summe liquider Mittel in meiner Bilanz. Oder mein Verhältnis zu meinen Titeln, Zertifikaten und Erfolgsprädikaten. Oder mein vielleicht noch nüchterneres Verhältnis zum Großteil jener Dinge, die weit gehend ungenutzt in meiner Wohnung oder meinem Haus – oder noch besser: meinen diversen Anwesen, Luxuslimousinen, Yachten und Privatjets – lagern. Resonanz bloß, sagt Rosa, wird eben nicht erzeugt, indem ich die Welt in den Würgegriff nehme und so viele Ressourcen, Ruhm und privaten Reichtum wie möglich aus ihr rausquetsche. Sondern durch etwas ganz anderes.

Resonanz als Treibstoff produktiver, kreativer und komplexen Problemen gewachsener Organisationen

So weit, so weit gehend bekannt. Klar, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Arbeiten im Zeitalter einer von globalen Konzernen bis zum Geht-nicht-mehr getriebenen Profitvermehrung ist halt kein Zuckerschlecken. Aber von irgendwas muss mensch ja leben, selbst wenn ihn oder sie diese Arbeit kein Stück glücklich macht. So ist das eben: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und so wird es wohl ewig bleiben.

Mais au contraire, Messieurdames! Das ist ja gerade das Aufregende, das Inspirierende an Hartmut Rosas Überlegungen. So muss es ganz und gar nicht bleiben. Weil wir nämlich, wenn wir uns wirklich für diese bewusstseinserweiternde Erfahrung namens Resonanz öffnen, nicht nur mehr Glück und Zufriedenheit, sondern höchstwahrscheinlich auch weitaus bessere Arbeitsergebnisse erzielen werden – dank einer höheren Kreativität und Produktivität von Menschen, dank einer höheren Komplexitätskompetenz und Resilienz von Organisationen!

Aber nochmal langsam. Sie sind doch noch dabei? Ich hoffe sehr, denn es geht schlichtweg um alles! Fassen wir nochmals kurz zusammen, bevor wir zum großen Finale kommen: Das ganze ‚Business-Theater‘, das so gerne bei der Arbeit aufgeführt wird (und die vielen andere Schauspiele, die unser Leben noch so prägen) drehen sich also vorwiegend um eine Suche nach Resonanz, oder wie der Soziologe auch sagt: Weltanverwandlung. Ja, wie ist denn das gemeint? Und kann das wirklich wahr sein? Was Rosa mit dem Streben nach Weltanverwandlung meint, ist der Versuch, sich ein Stück Welt, also einen Ort, ein Ding, ein Team, eine Organisation, eine Branche oder vielleicht auch einen einzelnen Menschen derart anzueignen, dass sie mir etwas sagen, dass ich mich in ihnen wiederfinde, dass ich mich bei ihnen zu Hause und ganz und gar wohl fühle. Dass ich aus vollem Herzen sagen kann: Das ist meine Heimat, mein Team, mein Projekt, mein Werk! Daher, so der Soziologe, rühren letztlich unsere intensiven Versuche, Facebook-Freunde, Kontakte und Mitstreiterinnen zu sammeln, Zertifikate, Erfolgsausweise, Vorgesetzten- oder Kundenlob, Einkommen und Gewinne zu vergrößern, Handys, Autos, Häuser und Firmen einzukaufen. Und natürlich auch: Bahnbrechende Erfindungen zu machen, irrwitzige Projekte zu verwirklichen, die Welt zu verändern und dabei unübersehbar Spuren zu hinterlassen.

Nur übersehen wir dabei ein Kleinigkeit: Weltanverwandlung, Resonanz und damit letzten Endes menschliches Glück entstehen nicht, wenn ich mir mit instrumentellen und manipulativen Methoden möglichst viel Ansehen, liquide Mittel, Karriereoptionen, gutaussehende Lebenspartner, fette Sportwagen, Patente, Investoren, Marktführerschaften unter den Nagel reiße, sondern gerade dann, wenn ich die Welt und ihre Menschen auch mal sein lasse, wie sie sind. Wenn ich ihnen zuhöre, mich auf sie einlasse. Mich von ihnen überraschen lasse!

Denn Resonanz setzt die Existenz von Nichtanverwandeltem, Fremdem und sogar Stummem voraus; erst auf ihrer Basis kann ein Anderes hörbar werden und antworten, ohne dass die Antwort bloßes Echo […] des Eigenen ist. Resonanzfähigkeit gründet auf der vorgängigen Erfahrung von Fremdem, Irritierendem und Nichtangeeignetem, vor allem aber von Nichtverfügbarem, sich dem Zugriff und der Erwartung Entziehendem. In der Begegnung mit diesem Fremdem setzt dann ein dialogischer Prozess der […] Anverwandlung ein […]. (S. 317)

Hier nun aber, wird es richtig, richtig spannend: Wenn ich auf Tuchfühlung mit etwas oder jemandem gehe, der oder das mir bisher unbekannt, ja fremd war. Wenn sich etwas Neues und Unerwartetes aus einer Begegnung, einem Projekt, einem Veränderungsprozess oder einer Investition in Menschen oder Dinge entwickelt. Ja, was passiert da? Resonanz, das Gefühl eine Antwort zu bekommen, das magische Erlebnis, tieferen Sinn und echte Befriedigung zu erleben – sie entstehen erst und gerade dann, wenn ich mich auf Unüberschaubarkeit und Unplanbarkeit, also auf Komplexität einlasse, wenn ich anderen Menschen erlaube, das zu tun, was ihnen gerade einfällt, also kreativ und innovativ zu sein, wenn ich ihnen Vertrauen schenke, damit sie das tun können, was ich ihnen nicht gesagt habe!

Aus der Zwischenablage

Lassen Sie sich das bitte einmal auf der Zunge zergehen, liebe Leserinnen und Leser. Das bedeutet schlicht und einfach: Eine Organisation (und jede Form der Interaktion und Kooperation zwischen Menschen), die Resonanz zulässt, schlägt mindestens zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens vermeidet sie dieses unsäglich triste Alltagseinerlei einer grauen und zutiefst fragwürdigen Arbeit, deren Sinn vordergründig in der Erreichung von ‚Kennzahlen‘ und letzten Endes in der schlichten Vermehrung von Ressourcen, Geld, Einfluss, Macht, kurz „Weltreichweite“ zu bestehen scheint. Das bedeutet im Ergebnis: Um Welten weniger Stress, Burnout, Rückenschmerzen, Arbeitsleid, die mit solcher resonanzloser Plackerei gewöhnlich verbunden sind.

Zweitens aber, sind Formen der Arbeit, die so etwas wie Resonanz ermöglichen, auch in ungleich höherem Maße fähig, mit Komplexität umzugehen, und kreative, innovative Problemlösungen zu ermöglichen. Denn ein Unternehmen, das seinen Angestellten die Ziele – ob mehr oder weniger direkt – von oben vorgibt und mit einer Mischung aus Zwang und Angst nach unten durchdrückt, also gar nicht zuhören will, sondern instrumentell und „stumm“ seine Belegschaft in den Würgegriff nimmt, wird kaum einen Mitarbeiter bekommen, der sich von seiner Arbeit „wirklich berührt und ergriffen“ fühlt. Dann kann es aber auch die kreativen Höchstleistungen abschreiben, die man eben nur bekommt, wenn sich ein solcher Zustand (Resonanz!) einstellt. Lässt es aber seine Leute machen, tun und lassen, zuhören und warten, nachdenken und schließlich aus eigenem Antrieb beschwingt und fröhlich handeln, darf es sich auf viele magische Momente und unerwartete Erfolge gefasst machen.

Die gute Nachricht lautet also: Ließe sich so etwas wie Resonanz – oder wie immer man es auch nennen möchte – dauerhaft und vielerorts in unserer Arbeitswelt verwirklichen, dann wäre nicht nur manches Gesundheitsprogramm und manche Psychotherapie überflüssig, sondern es entstünden womöglich Organisationen von faszinierender Kreativität, Innovationskraft und Produktivität, die in ihrem gelassenen und souveränen Umgang mit Komplexität alle anderen in den Schatten stellten. Und natürlich gibt es die sogar schon, irgendwo da draußen. Die nicht ganz so gute Nachricht ist: Solange die Mehrheit von uns überzeugt bleibt, dass Erfolg, Gewinn und Glück vor allem dort zu finden sind, wo alles immer mehr, immer schneller, immer größer wird, werden solche Formen der (Zusammen)arbeit wohl die Ausnahme bleiben.

Nur, meine Damen und Herren, Geld allein macht nicht nur nicht glücklich, es macht eben auch nicht kreativ, innovativ und produktiv. Jedenfalls dann nicht, wenn wir uns derart obsessiv auf seine Vermehrung konzentrieren, dass Erfahrungen einer intensiven Begegnung mit Menschen oder auch mit Dingen, die uns überraschen, erstaunen und beglücken können – weil wir uns dabei im Anderen wiederfinden und erkennen – sich niemals einstellen können. Wenn also Resonanz ausbleibt. Darüber aber, sollten wir alle miteinander mal eine gute, lange Weile nachdenken. Und sagen Sie jetzt bitte nicht: ‚Dafür fehlt mir die Zeit.‘ Denn, wie heißt es nicht bei Hartmut Rosa?

„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“

Auch mal richtig tief ins Buch schauen? Für diesen Artikel gelesen:
Rosa, Hartmut: Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp, Berlin 2016

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