Digitalisierung ist nur der Anfang

Baum

Leben: Nicht unbedingt das Gegenteil von digitaler Technik, aber doch bedeutend mehr als sie.

Georg Hasler hilft mit einem genialen Buch über die digitale Revolution, grundlegende Missverständnisse auszuräumen. Und erinnert daran, wer von ihr eigentlich profitieren sollte: Der Mensch als kreatives und lebendiges Wesen.

Hallo und willkommen zu irgendeinem Artikel über Digitalisierung und so! Schön, dass Sie dabei sind, denn Digitalisierung ist ein echter Megatrend – und wer sich auskennt kann mitreden! Dabei ist es besonders hilfreich, möglichst wenig Inhalt mit möglichst vielen Buzzwords zu kombinieren, denn dann entsteht beim Zuhörer der Eindruck maximaler Kompetenz und Souveränität. Alles klar?

Nein. Gar nichts ist klar. Alle reden über Digitalisierung, aber kaum jemand weiß, wovon er da eigentlich spricht. Meistens geht es – soviel ist immerhin klar – um irgendwelche Technologie, und zwar informationsverarbeitende. Das hat also viel mit den kleinen Kästchen in unseren Hosen-, Hand- oder Jackentaschen (‚Kluge Telefone‘) und den anderen Dingern zu tun, die wir Computer nennen, weil sie so viel schneller rechnen können als wir. Und mit diesem Wirrwarr von Computern, Daten- und Telefonkabeln, an das wir uns regelmäßig oder am Besten dauerhaft anschließen müssen, damit wir uns nicht abgehängt fühlen. Und bald sollen nicht nur Menschen, sondern auch Dinge süchtig werden, nach diesem Netz. Und die Menschen sind dann nicht mehr ganz so wichtig. Oder so. Wahnsinnig wichtig ist jedenfalls die Digitalisierung, ganz viel Zukunft und ungeheuer hohe Renditechancen stecken da nämlich drin. Alles klar jetzt?

Eben nicht. Das klingt ungefähr so tiefschürfend und umfassend, wie wenn man jemandem das ausgehende Mittelalter als die Zeit des Buchdruckfiebers erklären würde: ‚Du, da liefen alle rum und druckten und kauften und tauschten oder lasen sogar Bücher und redeten die ganze Zeit über Bücher, und das war damals das große Ding, weil es ging voll zur Sache mit diesen Büchern, irgendein Typ, Buther, nee, Luther, hat irgendwas gedruckt, was ganz groß rauskam und dann haben andere auch was gedruckt, und eine neue Zeit brach an, wahnsinnig spannend und total aufregend. Und bestimmt haben unheimlich viele Leute unheimlich viel Geld damit verdient, glaub‘ ich jedenfalls.‘

Die meisten von uns werden sich erinnern, dass der Buchdruck in der Tat ziemlich aufregende und folgenreiche Entwicklungen wie die Reformation oder die Aufklärung befördert oder sogar erst ermöglicht hat. Aber was kann uns die Digitalisierung ermöglichen? Was macht dieser Prozess eigentlich mit der Welt und den Menschen, die in ihr leben? Außer, dass einige von ihnen ernsthaft zu Schaden kommen, weil sie beim Gehen, Laufen oder Autofahren zu lange auf ihr Smart Phone gestarrt haben? Das sind Fragen, auf die gar nicht so viele Menschen kluge und erhellende Antworten geben können. In einem anderen Artikel in dieser Reihe habe ich Bernhard von Mutius dafür gelobt, dass es ihm gelungen ist, mit einem über 15 Jahre alten Buch gekonnt in unsere (digitale) Zukunft zu schauen. Und jetzt bin ich auf ein Buch gestoßen, das sich fast schon liest wie die Bilanz eines Veteranen der Digitalisierung. Von einem, der mittendrin statt nur dabei war und sich auf der Grundlage seiner eigenen Digitalisierungsgeschichte eine ziemlich gründliche Meinung gebildet hat.

Das Buch heißt Blütenstaubwirtschaft – Wenn Dinge zu Daten werden und sein Autor ist Georg Hasler. Der lebt in Basel und hat sein Buch im vergangenen Jahr veröffentlicht, als in der Schweiz alle anfingen, über das Grundeinkommen zu reden, das mit einem im Juni 2016 dann doch gescheiterten Volksentscheid eingeführt werden sollte. Das Buch von Hasler enthält nämlich auch ein ziemlich schlüssiges und unaufgeregtes Plädoyer für ein Grundeinkommen – aber darum soll es hier nur am Rande gehen. Im Mittelpunkt soll stattdessen eine andere Frage stehen: Digitalisierung – was ist das eigentlich? Denn das erklärt uns Georg Hasler in seinem Buch als Erstes – dass wir von der Digitalisierung, von ihrer Bedeutung und Tragweite bisher eigentlich nur sehr wenig verstanden haben.

Digitalisierung – Was ist das eigentlich?

Das fängt damit an, dass städtische Bibliotheken so etwas Verrücktes machen, wie ein E-Book mit dem Hinweis ‚zur Zeit ausgeliehen‘ zu versehen. Hasler findet:

Das ist technisch gesehen so absurd, als hätten wir das Rad erfunden, um es auf dem Rücken herumzutragen. Dinge können ausgeliehen, Daten nur kopiert werden. Und das ebook ist kein Ding. Es ist als Datum jederzeit und überall verfügbar. (S. 5f)

Und es geht damit weiter, dass sich viele von uns fürchten müssen, durch die Digitalisierung erst arbeitslos und dann arm zu werden, weil irgendeine Software unseren Job übernehmen könnte. Das ist eine verkehrte Welt, sagt Georg Hasler. Eine Welt, die sich in folgendem Widerspruch befindet:

Wir träumen noch von der schönen Welt des alten Handwerks, wir verhalten uns brav nach den Regeln der Industrie, und wir leben tatsächlich bereits mitten im Informationszeitalter. Unsere alten Gewohnheiten, unsere aktuellen Gesetze und die gegenwärtige technische Realität passen nicht mehr zusammen. (S. 5)

So lange wir diesem Widerspruch aber nicht entkommen, warnt Hasler, wird es nicht gelingen, das eigentliche Potenzial der Digitalisierung zu erschließen. Und das besteht, kurz und vereinfacht gesagt, darin, dass je mehr Computer und Maschinen können, die Menschen sich endlich auf das konzentrieren könnten, was Maschinen nicht gut oder gar nicht können. Und das ist, wiederum kurz zusammengefasst: „Leben wahrnehmen und pflegen.“ (S. 82)

Manche Leute können scheinbar gar nicht genug kriegen von digital Irgendwas, eBlaBla und iDingsbums 4.0 mit Ringelpiez zum Anfassen. Georg Hasler schon. Er, der sich vom Geigenbauer zum Geigenmaschinenbauer und dann zum Geigenbaumaschinenprogrammierer fortgebildet hat und trotz allem immer noch keine richtig guten Geigen bauen kann wie damals vor 300 Jahren, analysiert ganz nüchtern, was passiert, wenn sich Dinge in Daten verwandeln. Und daran ist nicht alles gut – aber auch nicht alles schlecht. Es ist ganz einfach ein faszinierender und ungeheuer folgenreicher Prozess, den wir nicht nur bestaunen dürfen, sondern auch verstehen müssen, wenn wir wirklich und nachhaltig von ihm profitieren wollen. Und Georg Hasler hilft unserem Verständnis gewaltig auf die Sprünge.

Ersteinmal scheint er dabei gar nicht soweit von denen entfernt, die wegen der Digitalisierung ganz aus dem Häuschen sind und im Minutentakt Hastags absetzen, um darauf aufmerksam zu machen, wie ungeheuer wichtig und bedeutend das alles ist:

Seit zwei, drei Jahrzehnten erleben wir nun die digitale Revolution, und mir scheint, dass es nicht nur eine weitere technische Erneuerung im Rahmen der bestehenden Industriegesellschaft ist. Ich glaube vielmehr, dass es genauso wie die neolithische und die industrielle Revolution eine echte Revolution ist, weil sich durch die Digitalisierung das Verhältnis zu der Dingwelt erneut so grundlegend verändert hat, dass es dringend nötig ist, über die Konsequenzen nachzudenken. (S. 39)

Nur, was bedeutet das – eine Veränderung unseres Verhältnisses zur Dingwelt? Können denn Dinge wirklich zu Daten werden und sozusagen wie von Zauberhand verschwinden? Natürlich kann ich den roten Sessel, auf den ich beim Tippen dieses Artikels schaue, nicht einfach per Digitalisierung in irgendein Datennirvana beamen. Ich könnte ihn – wie jedes andere Ding – höchstens mit Gewalt zerlegen und zerstückeln, wenn ich ihn denn unbedingt loswerden wollte. Aber die Materie bliebe doch vorhanden. Sie büßte allerdings etwas von ihrem bisherigen Wert und ihrer Bedeutung ein. Und genau darauf will Georg Hasler hinaus: Durch die Digitalisierung werden die konkreten Dinge, jeweils für sich genommen, immer unwichtiger. Wichtig dagegen werden Ideen, deren natürliche Form bekanntlich, sobald sie jedenfalls den Kopf des Urhebers verlassen, die von Daten ist.

Das liegt daran, weil Dinge bald nicht nur in großen Stückzahlen kopiert werden können, wie uns das seit dem letzten Jahrhundert die industrielle Massenproduktion ermöglicht. Sondern zu erwarten ist, dass bald alles preisgünstig und prompt aus dem 3D-Drucker oder einem ähnlichen Gerät kommen wird, wenn ich nur die richtigen Daten einspeise. Das einzelne Ding kann mir dann ziemlich egal sein, so lange irgendwo noch ein Backup verfügbar ist. Das ändert natürlich einiges. Plötzlich verliert der Besitz von Dingen an Bedeutung. Was jetzt zählt, ist der Zugang zu Daten und Ideen:

Wenn Dinge geteilt werden, sind sie in der Regel danach kaputt oder nur noch halb so groß. Man kann sie höchstens in Teile zerlegen, falls das geht, oder hintereinander benutzen. Dinge eignen sich daher zum Besitzen und Tauschen. Daten und Ideen hingegen vermehren sich automatisch beim Teilen. Sie gehen dabei auch nicht kaputt. Im Gegenteil. Sie gewinnen an Wert und Qualität, weil sie geprüft, ergänzt und weiterkombiniert werden. (S. 43)

Digitalisierung bedeutet nicht nur einen Struktur-, sondern auch einen Kulturwandel!

Das ist der eine, noch relativ leicht zu erfassende Wandel durch Digitalisierung: Der auf der Strukturseite. Deshalb wurde aus dem Industriestandort plötzlich der Wissensstandort Deutschland. Ich habe mal längere Zeit in einer ziemlich abgelegenen Stadt gelebt. Sie heißt Berlin und liegt fast am nordöstlichen Ende Deutschlands, wohin sich ohne viele Subventionen kaum noch ein Industrieunternehmen verirrt. Der früherere Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, kam deshalb schon Anfang dieses Jahrhunderts auf den Gedanken, sich die Digitalisierung zu Nutze zu machen und sich von der teuren Industrie(förderung) weit gehend zu verabschieden. Man kann Wowereit für vieles kritisieren – aber hier hatte er letzten Endes den richtigen Riecher, auch wenn er vielleicht etwas früh dran war. Heute reden alle vom ‚Kampf um die klügsten Köpfe‘ von ‚Wissensmanagement‘ und dem ‚Geschäft mit den Daten‘ – und Berlin bommt.

Ja, was die Strukturseite und die damit einhergehenden Veränderungen wie technologische Modernisierung, Erschließung neuer Geschäftsfelder, Wandel ganzer Branchen und Geschäftsmodelle betrifft, hinken vielleicht viele hinterher, aber die meisten haben verstanden: Das wird irgendwie immer wichtiger. Und das – Internet, Computer und so – geht auch nicht mehr weg. Die Digitalisierung ist gekommen um zu bleiben. Das ist alles schön und gut, aber, schreibt Georg Hasler, ist genau genommen nur die Spitze des Eisberges. Denn wie kommt es eigentlich, dass eine öffentliche Bibliothek allen Ernstes E-Books verleiht wie bisher Bücher aus Pappe und Papier, nämlich nicht unendlich oft – übrigens müsste man dann nicht mal mehr von Verleihen sprechen! – sondern nur ein- oder zweimal zur selben Zeit an einige wenige Nutzer? Weil, sagt Georg Hasler, wir kulturell immer noch ganz tief im Morast des Industriezeitalters feststecken. Wir behandeln Daten wie bisher Dinge. Als gäbe es sie nur einmal oder jedenfalls in einer zählbaren Menge:

Software wird dann in schöne Kartonschachteln verpackt und mit Echtheitskleber versehen. Auf diese Weise wird suggeriert, dass es so etwas Ähnliches wie ein Haushaltsmixer sei und aufgrund der Leistung auch mindestens so viel kosten müsse. Ebenso werden Formeln für Medikamente patentiert und stückzahlabhängig an Hersteller lizenziert, oder Musikkompositionen werden geschützt, um das Aufführungsrecht einzeln an die Veranstalter zu verkaufen. (S. 45)

Wir klammern uns gierig und ängstlich an Ideen, als seien sie Dinge, die man uns wegnehmen und für immer vorenthalten könnte. Eigentlich ist das vollkommener Blödsinn. Eigentlich. Weil aber fast alle es so handhaben, ihre Software, ihre Kompositionen, ihre Medikamente, Rezepte und bahnbrechenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Teilchenphysik in Patente und Lizenzen schnüren, einen Riesenaufwand betreiben, damit ja keiner an die Daten gelangt, halten wir das auch noch für normal und vernünftig. Georg Hasler gibt uns einen Eindruck davon, was unserer Welt durch dieses Verhalten an innovativem und kreativem Potenzial verloren geht:

Gute Ideen zur Verbesserung der Welt erleiden nicht selten folgendes Schicksal: Nach der ersten Begeisterung des Erfinders steigt dessen Angst, dass schon ein anderer dieselbe Idee hatte. Jeder seiner weiteren Schritte könnte vergeblich sein oder sogar in den Strafraum führen, weil fremde Eigentumsrechte verletzt werden. Wenn seine Idee jedoch wirklich neu ist, wird der Erfinder von der Angst befallen, dass sie gestohlen werden könnte. Also wird er als Erstes alle Energie darauf verwenden, die Idee zu «schützen», und das bedeutet, sie anderen vorzuenthalten. […] Am Ende wird eine gute Idee mit viel Frustration zu Grabe getragen, denn noch bevor sie sich umsetzen ließ, sind Kraft und Geld schon aufgebraucht. Es ist kein neues Google entstanden. So geht es nicht nur 99 Prozent aller Ideen, sondern auch 90 Prozent aller Patente. Sie bleiben ungenutzt und landen in der Schublade. Um die Innovationskraft einer Gesellschaft zu verdoppeln, würde es demnach rein rechnerisch ausreichen, den Ideenverlustwert um nur um ein Prozent von 99 auf 98 Prozent zu reduziert! (S.71f)

Digitalisierung könnte heißen: Die Technik arbeiten lassen – Und gemeinsam selbstständig werden für menschlichen Fortschritt

Warum aber machen wir das? Die Erklärung ist einfach und auch Hasler nicht unbekannt: Zum Leben braucht der moderne Mensch Geld – und das fällt gewöhnlich nicht vom Himmel, sondern wird von den meisten durch Erwerbsarbeit generiert. Als Erwerbsarbeit gilt aber nur, was Produkte und Dienstleistungen abwirft, für die andere bezahlen wollen. Deshalb muss möglichst jede Idee, jedes Datum zu einem Produkt oder einer Dienstleistung werden, damit ihre Urheber von ihnen leben können. Darum Haslers Plädoyer für ein Grundeinkommen, damit sich mehr Menschen trauen (können), ihre Ideen mit anderen kostenlos zu teilen.

Aber nicht nur in Fragen der Wohlstandsverteilung und der ‚gerechten‘ Bezahlung von Arbeit – und der Frage, was Arbeit überhaupt ist! – bedarf es eines Kulturwandels, wenn Digitalisierung nicht einfach in Erinnerung bleiben soll als die Epoche, die dumme Automaten zu etwas weniger dummen Automaten machte und in der Industriemagnaten an Macht verloren und Softwaregiganten an Geld und Einfluss gewannen. Wir müssen vielmehr eine einfache Wahrheit wirklich verstehen und begreifen, die Georg Hasler so formuliert: „Menschen sind das, was Automaten nicht sind.“ (S. 110)

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Ein Elektronengehirn, ein Computerprozessor ist eigentlich ein langweiliges, spießiges Ding. Alles verläuft innerhalb gerader Bahnen und vorgeformter Prozesse, die aus gutem Grund vor allem eines sein müssen: berechenbar. Ein Computer hat – jedenfalls bisher – keine neuen Ideen, er stellt nur gesammeltes Wissen dar – und wenn er gut ist – neu zusammen. Das ist ein ziemlich lebloser und wenig kreativer Prozess. Dieser Prozess ist genaugenommen eine stetige Umwandlung und Neukombination von Nullen und Einsen: 1000111001011100001001110 usw. usf. Oder so ähnlich. Das Aufregende an digitaler Technik kann deswegen nicht sein, was sie ist. Sondern vielmehr, wozu sie uns Menschen befähigt!

Worin aber liegt ihre besondere Qualität? Digitalisierung – und die mit ihr einhergehende globale Vernetzung von Computertechnik – eröffnet uns grundsätzlich den Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit, zu allen ihr bekannten Fakten und allen von ihr geschaffenen Ideen und Erfindungen. Und sie erlaubt es uns, ständig mit praktisch jedermann in Verbindung zu stehen, in Austausch zu treten, zusammenzuarbeiten. Digitalisierung an sich ist nicht kreativ. Sie macht auch nicht automatisch kreativ. Ein junger Mann mit Bart, Hornbrille und Macbook ist weder wegen seines Erscheinungsbildes, noch weil er einen tragbaren, angesagten Computer besitzt, schon ein ‚Kreativer‘. Er kann aber – ein gewisses Talent und den nötigen Freiraum vorausgesetzt – nicht zuletzt dank seines Computers, der an das Internet angeschlossen ist, dazu werden.

Wir haben die Wahl: Wir können den Übergang vom Industrie- ins Informationszeitalter als Aufforderung auffassen, nicht mehr im Takt der Maschinen unsere Arme und Hände zu bewegen, sondern unser Denken in Art und Tempo möglichst gut einem Elektronenprozessor anzupassen. Wer diesen Wettlauf gewinnen wird, können Sie sich – fast so schnell wie ein Computer – ausrechnen. Oder wir entdecken in der technologischen Revolution der Digitalisierung das Potenzial zu einer Weiterentwicklung des Menschen. Nämlich dann, wenn wir die Technik nicht über unser Leben bestimmen lassen, sondern auf der Grundlage dieser Technik zu mehr Selbstbestimmung und Selbstständigkeit finden. Dazu aber, schreibt Hasler, sollte die Technik zuständig sein und bleiben für das, was sie am Besten kann: Automaten steuern. Und die Menschen sollen sich von der Technik dabei unterstützen lassen, das zu tun, was sie am Besten können: Leben, lieben, kreativ sein.

Es wird für die weitere Entwicklung entscheidend sein, inwiefern die eine Eigenschaft, nämlich die perfekt kontrollierende Fähigkeit der Digitaltechnik, ausschließlich auf die optimale Steuerung von Automatisierungen angewendet werden kann, und inwiefern die andere Eigenschaft, nämlich der befreiende, verbindende, organische Charakter dieser Technik, dem Menschen und dem Leben zugutekommt. Wirken sie umgekehrt, wirken sie verheerend. (S. 80f)

Die Digitalisierung birgt die Möglichkeit, Menschen von der Herrschaft durch Maschinen – also der finanziellen Abhängigkeit von großen Industriekonzernen und mit ihnen verflochtener Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme – zu befreien. Mit dem kostenlosen Zugriff auf Daten und Ideen und der voraussichtlich zumindest konstengünstigen Verfügbarkeit von Gegenständen des alltäglichen Bedarfs, könnte eine Ökonomie der selbstständigen, aber vielfältig vernetzten Kreativen entstehen, die sich endlich um das kümmern kann, was Menschen wirklich ausmacht. Allerdings nur dann, wenn wir verstehen, dass die Wertschöpfung der Zukunft nicht aus der vermehrten Produktion von Dingen und der privaten Anhäufung des damit verdienten Geldes entstehen wird:

Die Vorstellung, dass die Früchte meiner Arbeit mir gehören, wird unserer Informationsgesellschaft problematisch, denn es sind nur noch wenige Menschen direkt mit der Produktion von echten Früchten beschäftigt. Die wichtigsten Produktionsmittel bestehen heute aus Wissen, Daten und Ideen, und wenn diese der Allgemeinheit vorenthalten und künstlich zurückgehalten werden, hat die übrige Welt nicht mehr die Möglichkeit, sich mündig und selbstständig einzubringen. (S. 120)

Das Erfolgsrezept der Industriegesellschaft ist, schreibt Georg Hasler, auf Grund seines Rohstoffhungers und der Tendenz, alles Leben zu kapitalisieren, ziemlich ausgereizt. Da ist die Digitalisierung eine Chance und ein willkommener Anlass, sich geraden Rückens und erhobenen Hauptes von ihren Zwängen und Absurditäten zu emanzipieren: „Normalerweise ist das der Moment, um erwachsen und selbstständig zu werden, Verantwortung zu übernehmen und für das Ganze zu denken.“ (S. 117)

Wenn wir nicht bloß für die Technik existieren, sondern durch und dank der Technik besser leben wollen, dann müssen wir lernen, eigenständig zu denken. Nicht schneller, aber besser als ein Computer. Wir müssen lernen, die Menschen und das Leben zu lieben, statt leblose Technik zu vergöttern. Und wir müssen den Mut finden, selbstbestimmt zu handeln. Kein Computer der Welt wird uns diese Aufgaben abnehmen können. Aber die Digitalisierung könnte es uns durchaus leichter machen, die nötige Zeit und Konzentration dafür aufzubringen. Wenn wir sie denn besser verstehen lernen, als wir das noch im Augenblick tun. Bücher wie das von Georg Hasler können dabei eine große Hilfe sein.

Auch mal richtig tief ins Buch schauen? Für diesen Artikel gelesen:
Hasler, Georg: Blütenstaubwirtschaft – Wenn Dinge zu Daten werdenDas Buch ist als Datum frei und kostenlos zugänglich auf bluetenstaubwirtschaft.ch. Wer will, kann es aber auch als Ding zum Anfassen, Tauschen und Verleihen bestellen. Die in diesem Artikel verwendeten Seitenzahlen orientieren sich an der Variante für PDF-Reader.

*** LESETIPP ZUM THEMA: Auf meiner Plattform digihuman.org – Die Digitalisierung menschlich gestalten! finden Sie weitere Texte und Dialoge zu diesem Themenfeld.

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3 Antworten zu “Digitalisierung ist nur der Anfang

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