#SorgenvonMorgen 10: Wie passen bloß Liebe und Arbeit zusammen?

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Ein Dialog mit Ardalan Ibrahim

Als ich kürzlich über Twitter einen meiner Blog-Artikel zu selbstgemachter Wahrheit und ein wenig Zukunftsoptimismus anpries, kam ich unvermittelt ins Gespräch mit Ardalan Ibrahim, Business-Coach und – wie sich herausstellte – Liebesexperte. Jedenfalls kann man auf seinem Blog ziemlich spannende Texte lesen – z.B. zur Liebe zum Unternehmen und auch darüber, warum es mit der manchmal nicht so weit her ist. Da ich mich selbst schon verschiedentlich mit dem Thema Liebe beschäftigt habe und gerade aktuell mit der Frage, welche Rolle Gefühle in unseren Organisationen in Zukunft spielen sollten, wollte ich bei Ardalan nochmal ganz genau nachfragen, wie denn seine Erfahrungen mit dem Thema Liebe und Arbeit aussehen.

Andreas Schiel: Lieben Dank, Ardalan, dass Du Dich bereit gefunden hast, mit mir diesen Dialog über Liebe und den ganzen Rest zu führen. Von dem, was ich bisher so von Dir im Internet gelesen habe, scheinst Du den psychologischen Aspekt bei Deiner Arbeit als Business-Coach noch eine Spur ernster und wichtiger zu nehmen, als viele Deiner KollegInnen. Jedenfalls beziehen nicht alle so pointiert Stellung zu so einem schillernden und schwierigen Thema wie Liebe. Ich finde das sehr spannend und möchte Dich zu Beginn mal fragen: Wie viel Platz lässt denn der Business-Alltag wirklich für die Liebe – Du weißt schon, weniger für irgendwelche Affären im Büro, als vielmehr für die Liebe zur und in der Arbeit? Arbeit und Liebe, Geschäft und Liebe, passt das Deiner Erfahrung nach zusammen?

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Ardalan Ibrahim ist im Hauptberuf nicht etwa Liebesexperte, sondern Business-Coach. Und er hat natürlich auch eine Website.

Ardalan Ibrahim: Vielen Dank, Andreas für das schmeichelhafte Attribut “Liebesexperte”. – Da wird mir gleich ganz anders. So als wäre ich eine Art Flirttrainer-Business-Womanizer-Superguru. Das kommt natürlich absolut hin so… 😉

Da Du mich nach meinen Erfahrungen fragst und nicht nach den vielen Gedankenkonstrukten, die ich auf www.ilwyc.wordpress.com mal zusammenfabuliert habe, fällt meine Antwort sehr zweischneidig aus:

  1. Nein, absolut überhaupt gar nicht passen Liebe und Business zusammen! Liebe hat im Kontext seriösen, professionellen Unternehmertums rein gar nichts verloren. Soweit kommt’s noch!
  2. Ja, absolut, natürlich! Ohne unausgesprochene oder ausgesprochene Liebe ist das, was wir in unseren Unternehmen tun, einfach nur sinnlos und nackte Existenzsicherung. Um den ollen Thomas Hobbes zu zitieren: Without love business life is “solitary, poor, nasty, brutish and short.”

Spannend finde ich auch Deine Frage danach, “wie viel Platz der Business-Alltag wirklich für die Liebe lässt.” Diese Formulierung legt nahe, dass es höchstens einen Rest-Raum für die Liebe im Business geben kann. Gleichsam Biotope, Reservate oder Inseln, die von einem Meer von Alltag umgeben sind, in dem “das eigentliche Business” stattfindet… – Ich bin mir sicher, dass Du die Formulierung so nicht meinst. Aber ich bin mir auch sicher, dass diese Formulierung von nicht wenigen Menschen genau in dieser Weise gelesen wird. Nämlich von genau denjenigen Menschen, die im Moment glauben, dass Business und Liebe ein wechselseitiges Abstoßungsverhältnis haben. Dass “Liebe” also ein Begriff sein sollte, der bitteschön, wenn überhaupt, allein der sogenannten “Privatsphäre” vorbehalten bleiben sollte, aber eigentlich auch dort eher so etwas bedeutet wie Julia-Roberts-Film-Gefühlsduselei, die mit dem Alltag von Partnerschaft und Familie ebenfalls rein gar nichts zu tun hat (wobei ich persönlich ja die meisten alten Film-Schinken mit J.R. echt liebe – aber das steht auf einem anderen Blatt…).

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Kurz: “Liebe” ist für viele Menschen eher ein “Unwort”. Oft schon privat. Um so mehr im Business. Das Maximum, zu dem sich einige Menschen eventuell vielleicht manchmal durchringen können, ist vielleicht so etwas wie das hier: “Love your job, but never fall in love with your company.” Die Angst ist groß, dass “Liebe im Business” heißt: Selbstaufgabe, dem Business “verfalllen sein”, kein Privatleben mehr. Und wofür? Für eine Sache, bei der es am Ende nur um die Steigerung irgendwelcher sinnentleerter Zahlen geht bzw. darum, dass ein paar kluge/mutige/glückhabende Investoren hinterher reicher sind als sie es vorher schon waren…

…da kann ich dann natürlich absolut nachvollziehen, dass man von “Liebe im/zum Business” nichts wissen will. Das ist dann reiner Selbstschutz. Und eine (klug vollzogene) innere Kündigung ist dann das Schlauste und Beste, was man mit seinem beruflichen Ich anfangen kann.

 

Andreas Schiel: Danke für Deinen Hinweis, dass schon in dieser allgemein üblichen Entgegensetzung von Liebe und Geschäft, von Liebe und Arbeit, von Liebe und überhaupt allem, was wir als “seriös” und “wichtig” einstufen, ein grundsätzlicher Fehler liegen muss. Dem stimme ich zu. Was aber sind denn Wege, um dieses weit verbreitete Vorurteil zu überwinden und Liebe im beruflichen Alltag erst denkbar und dann vielleicht sogar praktisch möglich zu machen?

 

Ardalan Ibrahim: Wenn wir über Unternehmen reden, reden wir über “auf Dauer gestellten Stress”. Warum? – Weil Unternehmen so konstruiert sind, dass sie Kundenbedürfnisse befriedigen sollen, und das auch noch zu möglichst geringem Preis und unter Wettbewerbsbedingungen.

Damit man unter SOLCHEN Bedingungen “Arbeit” und “Liebe” zusammenbekommt, braucht es ein Umfeld, in dem sich sogenannte Mitarbeiter (besser: Mitunternehmer) in und bei der Arbeit immer wieder mit “Liebesenergie” aufladen können. Klingt ziemlich esoterisch, ist aber eigentlich recht praktisch und sehr handfest. Denn was brauchen wir als Mitunternehmer, um unsere Kunden und um unsere Produkte zu lieben? – Und zwar nicht nur auf dem Papier, in schönen Worten und Sonntagsreden der Geschäftsführung, sondern ganz real, d.h. so, dass körperlich in uns etwas passiert, das wir “gute Gefühle” nennen?

Ich sehe da v.a. zwei Faktoren, die das ermöglichen können: Einmal kann man den Mitunternehmern die Liebe zu ihrem Unternehmen dadurch wesentlich erleichtern, dass man dafür sorgt, dass der eigentliche Unternehmenszweck im daily business nie aus dem Blick gerät: Die Befriedigung von Kundenbedürfnissen. Unternehmen sind “aus sich selbst heraus” zutiefst sinnhafte Gebilde. Insofern ist es bemerkenswert, dass wir sie selten unmittelbar so erleben. Wenn Sein und Sollen soweit auseinander liegen, gibt es etwas zu tun. In diesem Fall: Das aus dem Weg räumen, was es Mitunternehmern unnötig schwer macht, sich auf das zu konzentrieren, worauf sie sich im Grunde von sich aus konzentrieren wollen. Lars Vollmer hat am Ende dieses Vortrags hier mal Dinge aufgelistet, an deren Abschaffung man sich machen könnte, um Menschen die Liebe zu ihrem Unternehmen zu erleichtern.

Der andere Faktor liegt am gegenüberliegenden Pol: Er besteht darin, dass wir als Unternehmer uns nicht an die Kundenbedürfnisse verlieren. Dass das Unternehmen eine “Identität” entwickelt, ein “WIE wir hier dieses Kundenbedürfnis zu befriedigen versuchen und WIE NICHT”. Das Zusammenspiel dieses Spannungsverhältnisses zwischen “Life affirming purpose and identity of a company” hat die von mir sehr geschätzte Marie Miyashiro in ihrem bisher viel zu wenig beachteten Buch “The Empathy Factor” skizziert.

Und aus unserem Privatleben wissen wir ja eigentlich: Bleibende Liebe ist ein spannungsreiches Spiel zwischen dem eigenen Schwerpunkt und dem Schwerpunkt des geliebten Menschen. Wie beim klassischen Paartanz. Geht einer der beiden Pole verloren, verliert ein Unternehmen seine innere Spannkraft und Innovativität.aus-der-zwischenablage5

Von hier aus betrachtet ist dann auch die unmittelbar empfundene Lieblosigkeit (und Leblosigkeit) der meisten Unternehmen nicht mehr sonderlich rätselhaft: Die meisten unserer heutigen Unternehmen sind weder klar ausgerichtet auf einen erkennbaren “lebensförderlichen Zweck”, noch haben sie eine erkennbare “Identität”. Ihnen fehlt daher die positive Spannung der Liebe vollkommen. – Dass das so ist, hat aber nichts damit zu tun, dass Unternehmen nicht anders sein können. Es gibt ja Unternehmen, die sich in dieser Spannung halten und aus ihr heraus immer neue Wege finden, auf ihre Kunden einzugehen und dabei “selbstbewusst” sind. Das geht aber nur, wenn sie dabei nicht durch eine fatale Überordnung von sinnentleerten Investoreninteressen gestört werden. Das heißt: Es darf in einem Unternehmen – anders als das heute in einer Vielzahl der größeren Unternehmen der Fall ist – gerade nicht darum gehen, dass das Unternehmen möglichst bald mit Gewinn an andere Eigentümer verkauft werden kann. Aus meiner Sicht ist das die eigentliche “Quelle der Lieblosigkeit”, die wir in unseren heutigen Unternehmen unmittelbar spüren und wahrnehmen, wenn wir mit ihnen zu tun haben, egal ob als Kunde, als Mitarbeiter, als Dienstleister, als Nachbar oder eben als Investor. Daher verfolge ich alles, was sich um Formen von “Impact Investing” abspielt, mit großem Interesse, egal ob es das ist, was Marianna Bozesan macht oder die GLS Gemeinschaftsbank oder Crowdfunding, dessen ROI nicht in “mehr Geld” besteht, sondern im Gefühl, wenn schon nicht durch Arbeit, dann wenigstens durch sein Geld “an einer geilen Sache beteiligt zu sein. –  Da ist für mich Musik drin!

 

Andreas Schiel: Danke für Deine spannenden Ausführungen! Die waren wirklich nicht sonderlich esoterisch, sondern klingen ziemlich wirklichkeitsnah. Aber da ich in meiner Studienzeit eine ordentliche Überdosis Theorie abbekommen habe, bin ich seit einigen Jahren sehr hartnäckig auf der Suche nach Praxisnähe und ‘Anschlussfähigkeit’ (ich weiß, doofes Wort). Von daher will ich Dich nochmal fragen: Nach Deinen immer noch recht grundsätzlichen Ausführungen eben, siehst Du einen richtig wirkungsvollen Ansatz, mit dem man einem lieblosen Unternehmen wieder Liebe einhauchen kann – oder ist das eine Reise, die jedes einzelne Unternehmen ganz aus eigenem Entschluss antreten muss – und dazu mit ungewissem Ausgang? Es gibt ja so viele negative (Stress)faktoren und kulturelle Vorprägungen nicht nur in unserem Wirtschaftsleben, sondern in der gesamten Gesellschaft, dass Liebe da manchmal ziemlich chancenlos wirkt. Sprich: Kann man im Prinzip von heute auf morgen loslegen, mit der Liebe im Unternehmen, oder muss sich dafür erst der Rest der Welt verändern?

 

Ardalan Ibrahim: Da sprichst Du schon wieder was Spannendes an, die Sache mit dem “Entschluss” nämlich. Im Gegensatz zu vielen von mir sehr geschätzten Menschen, die etwas zu tief in die Systemtheorie-Kiste geschaut haben, bin ich der Auffassung, dass das, was Unternehmen brauchen, die sich für sich auf den Weg zu einem kraftvollen Miteinander machen, vor allem die gute alte Entschlossenheit ist. Dabei kann man sich natürlich – wie im richtigen Leben – von anderen Unternehmen inspirieren lassen. Aber seinen Weg finden muss jedes Unternehmen für sich selbst auf seine einzigartige Weise.

Da aber die menschliche Faulheit, Feigheit und Fixiertheit (Noni Höfner) unendlich ist ;), wird jedes Unternehmen auf “seinem Weg” auf Schwierigkeiten stoßen, die diese Entschlossenheit prüfen. – Hier kann man manchmal mit ein paar treffsicheren Impulsen von außen hilfreich sein. Die beziehen sich dann aber weniger auf smarte Lösungen (die kann sich ein Unternehmen sehr gut alleine suchen oder erfinden), sondern eher auf eben die Entschlossenheit der unternehmenden Menschen, die Sache anzugehen und an der eigenen Lebendigkeit dran zu bleiben, obwohl sich das grade lästig anfühlt oder obwohl das ja überhaupt gar nicht zu einem passt, oder weil man tausend Ausreden und Risiken findet, warum gerade anderes wichtiger ist oder man überhaupt die Finger davon lassen sollte.

Auch darin gleichen “unternehmerische Beziehungen” unseren privaten Liebschaften und Freundschaften auf eine schön-erschreckende Weise: Am Ende sind es dann doch wir, die es in der Hand haben, wie viel und welche Arten der Liebe wir in unserem Unternehmens-Leben haben.

Aber schlimm ist das nicht: Es sollen auch schon viele Menschen viele Jahre in eher bürokratisch geprägten Beziehungen verlebt und darin alt geworden sein. Weitgehend beziehungslos nebeneinander her zu leben ist daher immer auch eine Option. Es hat den Vorteil, dass man sich dann wechselseitig nicht sonderlich weh tut. Oder wenn doch, dass man dann wenig spürt davon.

Das Warten auf die selbstverständlich notwendigen Veränderungen des Rests der Welt hat ebenfalls einen schönen Vorteil: Die bleiben für uns so wunderbar unkonkret und völlig außerhalb unserer Reichweite, dass wir sie immer als Ausrede hernehmen können, wenn uns das, was wir selbst tun könnten, gerade zu riskant oder anstrengend erscheint: “Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.” Das geht immer. Und dann kriegt man eben, was man hat. Ich denke, dass ist eine ganz faire Sache.

 

Andreas Schiel: Lieber Ardalan, jetzt verstehe ich, was Du meintest, als Du bei der Anbahnung dieses Dialogs auf Twitter etwas skeptisch schriebst, du wollest Dein “Sonntagsreden-Priesteramt” möglichst klein halten. Aber: Das meine ich weniger ironisch als mit einer beachtlichen Portion Respekt. Das waren sehr gehaltvolle Antworten von Dir, die mir und hoffentlich auch vielen LeserInnen ordentlich zu denken geben werden. Vielen herzlichen Dank für diesen Dialog zu einem Thema, über das man weitaus häufiger sprechen sollte!

 

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