Gefühlte Arbeit

caspar_david_friedrich_-_wanderer_above_the_sea_of_fogGinge es nach Business-Romantiker Tim Leberecht, dann wäre jeder Gang ins Büro eine Verheißung, jedes Projekt ein Abenteuer, jeder Arbeitstag eine Chance auf Erfüllung: Romantik bei der Arbeit – Ist das gut oder Quatsch mit Soße?

Fühlt sich Ihre Arbeit auch manchmal so kalt an? So beliebig und leblos? Wie ein Haufen Papier, der unbedingt, ganz dringend heute noch abgeheftet werden muss, aber Sie erinnern sich nicht mehr warum und wozu – nur dass Sie jetzt müssen? Und dann machen Sie das eben, mit einer Mischung aus kalter Entschlossenheit und Resignation, so lange bis Sie eben fertig sind. Spaß macht das ja nicht wirklich. Von Freude ganz zu schweigen. Aber es muss ja. Arbeit eben.

Ja? Erwischt? So fühlt sich das manchmal an bei Ihnen? Keine Sorge, da sind Sie nicht allein. Und wissen Sie, woran das liegen könnte?

Business formalizes, automates, standardizes and serializes our decisions and experiences […]. (Kapitel 2)

Sagt der deutsch-amerikanische Autor, Speaker und Berater Tim Leberecht und spricht damit einen ziemlich wunden Punkt an.

Klar ist jedenfalls: Die meiste Arbeit ist in einem engeren oder in einem weiteren Sinne Business. Und ein Geschäft ist meistens ein Gewerbe. Ein Gewerbe ist nun wiederum eine auf Gewinn ausgerichtete Tätigkeit, so steht es jedenfalls im Gesetz. Und Gewinn bedeutet hier Profit in Form von Geld. Blöd nur, dass überall dort, wo Geld nicht fast schon von selbst reinkommt – weil z.B. Kunden einem Unternehmen aus purer Dankbarkeit für seine schicken Smartphones auch mal eine 50%-Rendite gönnen, oder weil man eine extrem gefragte Dienstleistung mit Hilfe knapper Fachkräfte anbietet – dass zumindest überall dort, wo solche paradiesischen Bedingungen in weiter Ferne sind, Geschäfte nicht selten hemmungslos auf Effizienz getrimmt werden und getrimmt werden müssen, damit sie wirklich zu einem auskömmlichen Gewerbe werden und dieses auch bleiben.

Und dann macht oft die Arbeit nicht mehr so richtig viel Spaß. Das fühlt sich dann an, wie früher in der Schule, wenn das ausgelassene Plaudern, das Austauschen von Witzen mit dem Banknachbarn, aber auch das interessierte, nur nicht zielgerichtete Blättern im Schulbuch und selbst noch die mit viel Leidenschaft betriebene, kreative aber leider nicht ‚korrekte‘ Lösung einer Aufgabe allesamt verboten waren, weil sie leider, leider dem übergeordneten Zweck der effizienten Vermittlung eines als höchst erstrebenswert und unverzichtbar geltenden ‚Lernstoffs‘ geopfert werden mussten. Der Ernst des Lebens soll das bekanntlich sein, dem wir in solchen Situationen begegenen.

Tja, und warum wurden wir mit diesem ziemlich unsympathisch und unattraktiv wirkenden Ernst, kurz einem Typen, den man aus freien Stücken vielleicht nie hätte kennenlernen wollen, schon als Kinder konfrontiert? Richtig: Damit wir später bei der Arbeit besser zurechtkommen! Das ist doch ein durchaus fürsorglicher Zug unseres Erziehungs- und Bildungssystems. Von Anfang an hat es uns mit viel Geduld und Spucke vermittelt, was wir heute als erwachsene Menschen ständig und immer wieder erfahren können: Spaß und Freude, Verheißung und Abenteuer, Jubel, Trubel, Heiterkeit, tiefe Trauer und innigste Nähe, also alles, was das Leben lebenswert und menschlich macht – das kommt überall dort, wo es um wirklich wichtige Dinge geht, höchstens ganz ganz ausnahmsweise vor und wird hier bitte nicht zur Regel.

Wir müssen nämlich noch dringend Ziele erreichen und Anforderungen gerecht werden und dabei bitte nicht Trödeln oder Extrarunden drehen (außer vielleicht für den Kunden) und bloß keine Risiken eingehen („Und nach der Schule kommst Du bitte sofort nach Hause, ja?“). Weil, wie soll man es sonst zu etwas bringen? Schließlich muss ja am Ende des Tages die Kasse stimmen usw. usf.

Radikaler geht’s kaum: Romantik bei der Arbeit

Eigentlich ist das ja ein bisschen ermüdend, sich zum 100sten Mal über diese allgemein bekannte Tatsache aufzuregen. Es gibt ja auch schon so viele Bücher darüber. Von Menschen, die es satt haben, jeden Montagmorgen in so viele müde, graue Gesichter zu blicken. Die nicht zwei Drittel ihres Lebens mit einer von anderen aufgedrückten Plackerei verbringen wollen. Wahrscheinlich können auch Sie schon aus dem Kopf zwei oder drei Titel solcher Bücher aufsagen. Denn Sie haben ja bestimmt fleißig Ihre Hausaufgaben gemacht, nicht wahr?

Aber: Kennen Sie auch schon einen waschechten Business-Romantiker? Was mich von Anfang an an Tim Leberecht und seinem Buch fasziniert hat, war diese gewisse Radikalität, die schon aus dem Buchtitel spricht. Und gleichzeitig das darin enthaltene Versprechen, dass man hier zwei Dinge, die oberflächlich betrachtet genauso schlecht zusammenpassen wie Arbeit und Liebe vielleicht doch übereinbringen könnte. Bei vielen der anderen Bücher mit ähnlichen Themen fühle ich mich nämlich allmählich auch ein bisschen übersättigt. Irgendwie scheint da fast immer der Ausweg aus der Problematik darin zu bestehen, sein eigenes Unternehmen zu gründen. Eines, in dem man zum Lachen nicht in den Keller gehen muss und keinen Ärger bekommt, wenn man verrückte und kreative Ideen hat.

Das mag für manche eine verlockende und sogar realisierbare Option sein. Für die meistens ist es das nicht. Und deshalb fand ich den Titel ‚Business-Romantic‘ so vielversprechend, weil er in Aussicht stellt, dass man etwas dem schnöden Alltagsgeschäft ganz und gar Fremdes, etwas Verheißungsvolles und Verlockendes, etwas ganz Besonderes – Romantik eben – vielleicht mit einem stinknormalen Job verbinden könnte. Dass man möglicherweise so ziemlich alles in seinem Arbeitsalltag ändern könnte, ohne dabei notwendigerweise den Job, das Unternehmen oder gar den Beruf zu wechseln. Sondern nur die Sichtweise.

Denn Romantik ist ja vor allem eine innerliche Angelegenheit. Romantik wird vor allem gedacht und gefühlt. Sie wird vielleicht auch von mehreren Menschen gemeinsam erlebt – aber kann schwer sichtbar und noch schwerer messbar gemacht werden. Romantik ist etwas ganz und gar Fluides und Fragiles – und gleichzeitig ist sie das schlagende Gegenteil dieser omnipräsenten, tristen Professionalität eine superseriösen Arbeitswelt. Nicht umsonst suchen wir ja auch in unserem sogenannten Privatleben nach kaum etwas sehnlicher als nach Romantik, nach tiefen Gefühlen und menschlichen Abenteuern. Weil wir das bei der Arbeit offenbar viel zu selten finden.

Und so stürzte ich mich voller Erwartungen und Sehnsüchte, in innigster Hoffnung und heißem Verlangen auf die Lektüre von The Business Romantic. Wurde ich enttäuscht? Zur Hälfte ja. Zur Hälfte nein. Romantik ist eine schwierige Angelegenheit, oder, um ein schöne Formulierung von Ardalan Ibrahim wiederzugeben: Ein zweischneidiges Schwert, wie alles, was richtig Wumms hat. Man sollte sie nicht leichtfertig verwerfen. Aber kann sie aus einem miesen Job wirklich einen guten machen? Nun ja…

Der Business-Romantiker sucht das gute Leben auch und gerade in der Arbeit

Ehrlich gesagt fing meine Lektüre von The Business Romantic gleich mit einer kleinen Enttäuschung an. Um sein Verständnis von Romantik zu erläutern, erzählt Tim Leberecht doch tatsächlich davon, wie er 2004 das olympische Feuer nach Afrika brachte, bevor es seinen unvermeidlichen Weg nach Athen nahm. ‚Ist der internationale Leistungssport nicht die heuchlerischste, platteste und durchkommerzialisierte Form einer vollkommen künstlichen und oberflächlichen Romantik unter deren Oberfläche sich Abgründe von Korruption und vielleicht noch weit schlimmeren Verbrechen verbergen?‘ fragte ich mich. Das kann durchaus sein, lautet Tim Leberechts ambivalente Antwort, aber das macht gar nichts! Denn er bekennt:

Money and meaning, commerce and culture, transaction and transcendence. I have always been drawn to these tensions. (Einführung)

Dieses Bekenntnis erschien mir nun wiederum derart ausgefallen und quergedacht, dass ich trotz der ersten Olympia-Enttäuschung weiterlas. Das kann ja spannend werden, dachte ich mir. Und freute mich, als beim Weiterlesen deutlich wurde: Tim Leberecht ist alles andere als ein Tunichgut und Hedonist, der einfach nur seinen Spaß haben will. Au contraire! 

Happiness is light, individualistic, and episodic; meaning is profound, communal and transcendent. Ultimately, meaning almost always implies a connection to a greater sense of community, whether real or imagined. It has a spiritual underpinning. (Kapitel 1)

Und ein wenig spirituell mutet seine Art, die Welt zu sehen tatsächlich an. Denn Leberecht will nicht alles vom Ergebnis, vom Return on Investment denken. Sondern bei ihm ist der Weg das Ziel, oder mindestens die halbe Miete:

Whereas a purpose-driven business will only succeed if it achieves some clearly defined ‚good‘ in the world, Business Romantics find as much worth in the process as in the end product. (Kapitel 1)

Schnell wird klar: Vieles von dem, was Leberecht im Business sucht, könnte man auch, mit dem Soziologen Hartmut Rosa, Resonanz nennen. Also ein Empfinden, das von einer tiefen Verbundenheit mit Menschen und Dingen kundet und das eine Befrieidigung verspricht, die weit über jene hohlen Freuden hinausgeht, die wir erleben, wenn wir mal wieder Sieger beim alltäglichen Rattenrennen um Geld und Aufmerksamkeit geworden sind. Rosa sagt ja: Wir streben viel zu oft nach bloßer „Weltreichweitenvergrößerung“, was letztlich heißt: Immer mehr, vom immer gleichen, damit wir uns immer mächtiger und wichtiger fühlen können. Zurichtung und Optimierung, Verfügbarmachung von Welt und Menschen, damit wir sie möglichst gut im Griff haben und uns nichts mehr überraschen kann – nichtmal positiv.

Ziemlich trist das, oder? Und deshalb schlägtLeberecht beispielsweise vor:

I encourage you to prioritize joy over optimization. Identify and implement the smallest possible feature […] to make an experience more intimate. (Kapitel 3)

An solchen Stellen macht der Autor seinem Namen alle Ehre und wird zum Ethiker. Und das ist überhaupt die ganz große Stärke des Buches: Da wirbt einer leidenschaftlich und glaubhaft für mehr echte Gefühle, tief empfundenes Engagement, kindliche Neugierde und Opferbereitschaft, Mut zum Risiko und Experiment, kurz viel mehr Menschlichkeit in einem Lebensbereich, den viel zu viele von uns schon unter „Ist ja nur Arbeit…“ als lästiges Übel verbucht und zu den Akten gelegt haben.

Leberecht rüttelt und schüttelt an solchen müden und lebensfeindlichen Bekenntnissen zynischer Weltgewandheit und fordert: Hört auf mit dem Business as Usual! Und das eben nicht mit einer hemdsärmeligen Herangehensweise à la ‚Wenn Arbeit keinen Spaß mehr macht, brauchen wir mehr Kickertische.‘ Sondern dem geraden Gegenteil eines derart platten Hedonismus, der ja in seiner Umkehrung sowieso nur wieder die altbekannte Frustration bestätigen würde: Die echte, die richtige Arbeit macht halt wirklich keinen glücklich.

Leberecht sagt stattdessen: Vielleicht macht Arbeit tatsächlich nicht glücklich, weil sie anstrengend sein kann, schwierig und voller Durststrecken, Hindernisse und Misserfolge. Aber aus einer romantischen Perspektive gesehen, kann sie uns die tiefsten und intensivsten Erlebnisse von Bedeutung und Sinn vermitteln! Und dazu bietet Leberecht in seinem Buch eine ganze Reihe kleinerer und größerer Kniffe an, mit denen man Arbeit und Geschäftsleben romantischer gestalten kann.

Ein Romantiker ist kein Moralist

Die kann und will ich hier nicht alle aufzählen – vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil sie mich nicht allesamt überzeugt haben. Zu meinem Bedauern muss ich nämlich nach der Lektüre des Buches sagen: ‚The thrill is gone.‘ Romantische Empfindungen sind mir, je länger ich in The Business Romantic lasimmer seltener gekommen. Schlecht finde ich das Buch trotzdem nicht. Aber es gibt ein Aber. Und das möchte ich jetzt noch erläutern.

Einen Moment lang dachte, ich, dieses Aber könnte einfach darin bestehen, dass Tim Leberecht sich am Ende doch noch als leichtfüßiger Gesell entpuppen würde. Denn die weitaus meisten Menschen, die er im zweiten Kapitel seines Buches als prototypische Business-Romantiker vorstellt, gehören dann doch wieder zu den üblichen Verdächtigen: Sie sind Freelancer oder Kleinstunternehmer, die wie Hippies das Land durchstreifen. Sie gründen alternative Ausnahmeunternehmen und bewegen sich allenfalls am Rande dessen, was man als Mainstream-Business beschreiben kann. Sind also – entgegen Leberechts eigener Darstellung , der sie als weltzugewandte Menschen in Mitten des Geschehens beschreibt – Business-Romantiker doch nur denkbar als Exoten und Außenseiter, wie es die zumeist weit weniger am Geschäft interessierten Literaten und Künstler waren, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Begriff Romantik erst groß machten?

Aber dann wird beim Weiterlesen deutlich: Nein, nein. Business-Romantic ist durchaus nicht der Lebensentwurf eines Unternehmerkauzes, der sich nur versehentlich einmal in die Realwirtschaft verirrt. Es ist vielmehr eine Haltung, die man selbst noch einem Unternehmen wie McKinsey attestieren kann, weil es so effektvoll die Geheimnistuerei um sein Wissen beherrscht, dass trotz aller (scheinbaren) Genauigkeit der Analysen und Prognosen ein Außenstehender nie sagen könnte, welchen Markt-Trend das Unternehmen morgen ausruft um ihn vielleicht schon übermorgen wieder zu begraben. So erzeugt man einen Mythos. Böse Zungen könnten das Kundentäuschung mit dem Ziel der Gewinnmaximierung nennen. Leberecht nennt es: Businessromantik.

Und genau hier liegt das Problem: Ein Romantiker ist ein durch und durch ethisch denkender Mensch, weil er alles auf Sinn, Zweck und tiefere Bedeutung hin befragt. Aber was richtig und falsch ist, darüber will er – zumal für andere – nicht befinden. Das ist ja auch gar nicht so einfach, sagt Leberecht vollkommen zurecht. Denn was dem allgemeinen Benehmen nach gut und richtig ist, das fühlt sich vielleicht manchmal richtig schlecht an – und umgekehrt:

You may work for a much-admired firm, devoted to a meaningful cause, but still feel an utter lack of romance. And you may find more romance working at Goldman Sachs than at a humanitarian organization. You can do good without feeling good. (Kapitel 1)

Und das stimmt nicht nur, weil das Richtige zu tun manchmal anstrengend und schmerzhaft ist. Nein. Gerade diejenigen, die glauben, sie würden das Richtigste und Edelste von der Welt tun, benehmen sich dabei mitunter richtig schlecht und verbreiten (emotionales) Elend statt guter Gefühle. Zum Beispiel manch kirchlicher Träger im Umgang mit den MitarbeiterInnen seines sozialen Dienstleistungsbetriebes. Und dort, wo Geld in Hülle und Fülle hin- und hergeschoben wird, ist manchmal plötzlich Platz für Gesten und Taten der Menschlichkeit, wie man sie nie erwartet hätte. Was für den Beziehungsstatus mancher Menschen auf Facebook gilt, gilt eben auch für die liebe Moral: Es ist kompliziert.

Aber weil das alles so kompliziert ist – und Tim Leberecht sein Plädoyer für mehr Business-Romantik durchaus und ganz eindeutig mit einem ethischen Anliegen verbindet; nämlich die Geschäftswelt zu einem besseren, einem menschlicheren Ort zu machen – darum ist das Buch, jedenfalls für mich, auch zum Teil eine Enttäuschung. Der Romantiker, lernt man gleich im einführenden Kapitel, ist klassischerweise eine eher asoziale Figur. Er ist eigenwillig und weltabgewandt, er steht dem gesellschaftlichen Treiben kritisch und auch schon mal gehässig gegenüber. Er hält sich nicht an jede hergebrachte Konvention, vor allem dann nicht, wenn sie sein persönliches Leben und Erleben zu sehr einzuschränken scheint.

Manchmal scheint dem Romantiker die Wirklichkeit auch einfach im Wege zu stehen, mit ihrer Tristesse und dummen Routine. Jedenfalls will er sich von ihr nicht allzusehr einschränken lassen. Hat er etwas zu sagen, gilt:

Of course […] it should come as no surprise that the Business Romantic leader is decidedly idiosyncratic. (Kapitel 13)

Und manchmal wird er vielleicht sogar zu manipulativen Methoden greifen, Mitarbeiter oder Kunden zum Beispiel ein wenig triezen, um das zu erzeugen, woran es ihm eben am meisten gelegen ist – Romantik:

Ask your customers and colleagues to make an effort. Make it more inconvenient for them to achieve gratification. Let them try harder. Let them wait. Frustrate them so they value what they cannot get. And reap the ultimate reward: permanent unfulfillment. The desire intact, the thrill not gone. (Kapitel 6)

Ist Josef Ackermann ein Business-Romantiker?

Andere gezielt frustrieren? Das ist einer dieser Stellen, bei denen ich mich fragte: Kann man es vielleicht auch übertreiben, mit der Romantik? Das Richtige vielleicht durchaus, um manche Liebesbeziehung aufregender zu gestalten. Aber sollte man ein Unternehmen wirklich so führen?

Und dann kam mir noch ein Gedanke in den Sinn: Kennen Sie Josef Ackermann? Bestimmt, oder? Könnte es nicht sein, dass auch Ackermann ein Business-Romantiker ist? Ich erinnere mich noch gut an eine Eigentümerversammlung der Deutschen Bank vor etwa zehn Jahren, an der ich quasi als Zaungast teilnehmen konnte. Ackermann hatte als Konzernchef viele kritische Fragen zu beantworten, manche davon eher querulatorischer Natur, nicht wenige aber gerechtfertigt angesichts der nun wirklich nicht immer nur sauber und sinnvoll anmutenden Geschäfte der Bank. Mit einem diabolischen, aber irgendwie auch sehr jungenhaft und sympathisch anmutenden Lächeln und einem deutlich spürbaren Vergnügen an der Herausforderung beantwortete er all diese Fragen ebenso gewitzt wie elegant, stets in dem virtuosen Bemühen, den Schaden für die Bank und ihr Image möglichst gering zu halten.

Ob Ackermann dies letzten Endes mit seinem bisweilen provokant anmutenden Auftreten und recht extremen Geschäftsstrategien tatsächlich gelungen ist, darf man bezweifeln. Fest steht allerdings, es gibt wahrscheinlich kein einziges Foto von ihm, auf dem er nicht wenigstens ein bisschen lächelt. Und zwar nie verkrampft und gekünstelt. Sondern es ist stets das Lächeln eines Mannes (oder eines kleinen Jungen?) der Freude und Verheißung selbst noch oder gerade in den schwierigsten und anstregendsten Momenten seiner Arbeit entdeckt. Ehrlich gesagt: Ich kann gar nicht anders, als mir Josef Ackermann als Business-Romantiker vorzustellen.

Wer weiß, was Tim Leberecht dazu sagen würde? Steve Jobs und Elon Musk jedenfalls, zwei ja als ziemlich launisch und autokratisch geltende Ikonen der US-Wirtschaft, würde er wohl als solche durchgehen lassen. Und da tut sich eben wieder eine gewisse Spannung auf, zwischen money and meaning, commerce and culture, transaction and transcedence. Oder vielleicht genauer formuliert: Zwischen dem Anspruch, Business-Romantiker könnten einen ethischen Notstand im Geschäftsleben beseitigen helfen und einer Wirklichkeit, in der eben diese Business-Romantiker als ziemlich ambivalente Akteure auftauchen, die vielleicht viel Romantik und Faszination für ihre Geschäftsidee und ihre Produkte versprühen, diese aber bei vielen Mitarbeitern und Zulieferern durch ihr radikales und bisweilen despotisches Verhalten geradezu zerstören können.

Trotzdem: Irgendwie hat das Ganze durchaus etwas für sich. Sehr viel sogar. Sollen wir etwa den grauen Herren des Geschäftslebens das letzte Wort lassen, darüber, wie wir Arbeit begreifen und verstehen? Soll Arbeit für die allermeisten etwa immer diese graugrieselige Zustand der Leidenschaftslosigkeit bleiben, der er heute ist?

Jedenfalls sind strikte Compliance-Richtlinien, Arbeitnehmerschutz und selbst noch die Demokratisierung von Unternehmen vielleicht gar nicht der richtige Weg, um Freude und Faszination für Business und Arbeit zu erzeugen, weil sie oft so trocken daherkommen können, manchmal vielleicht sogar wie Stöcke, die moralistische Miesepeter denjenigen zwischen die Beine werfen, die sonst andere inspirieren und begeistern könnten. Jedenfalls braucht doch jede wirklich zukunftssfähige Vision von Unternehmen und Unternehmertum auch eine Art romantischen Glutkern, der mehr zu bieten hat als das Verbot von allem, was bei der Arbeit einem Menschen schaden könnte. Oder?

Ich frage mich nur: Ist Leberechts Anleitung, zum Business-Romantiker zu werden für sehr viele nicht doch eher zu verstehen als Aufforderung, sich einen dürftigen Job schönzureden und eine wenig menschengemäße Arbeitswelt so lange mit dem Sternenstaub der Fantasie zu überziehen, bis sie in einem romantischen Nebel der Verzückung doch noch annehmlich geworden ist? Lassen wir, der Fairness halber, den Autor selbst darauf antworten:

Business Romance doesn’t necessarily mean that you „do what you love.“ […] Business Romance also doesn’t mean that you always „love what you do.“ What it does mean is simply the ability to create and find moments of love in what you do and how you do it, even in […] „un-lovable“ labor: conditions for genuine human connections, a yearning for the faintest sensation of greatness transcending the mundane. You may call this an escapist manual for self-deceit: I call it the courage to fight „death by realism.“ (Kapitel 14)

Der Business-Romantiker, sagt Tim Leberecht, ist immer auf der Suche. Niemals befriedigt, niemals am Ziel. Dieses Gefühl teile ich nach der Lektüre seines Buches umso mehr. Denn es hat mich ebenso inspiriert, wie es viele offene Fragen hinterließ. Von mir darum eine klare Empfehlung zum Lesen dieses ungewöhnlichen Buches – aber auch zum Weiterdenken der darin geäußerten Ideen.

Und mein ganz persönliches, allerdings nur vorläufiges Fazit lautet: Bei Romantik kommt es wahrscheinlich immer auf die Dosis an. Denn sie ist ein Feuer, das entflammen, aber eben auch zerstören kann.

Auch mal richtig tief ins Buch schauen? Für diesen Artikel gelesen:
Leberecht, Tim: The Business Romantic – Fall back in Love with your Work and your Life, Piatkus, London 2015 (Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel ‚Der Business-Romantiker‘ verfügbar. Wegen der unklaren Seitennummerierung meiner englischen E-Book-Version beschränke ich mich bei Zitaten auf Kapitelangaben.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s