#SorgenvonMorgen 11: Wird New Work jemals eine Massenbewegung?

Aus der Zwischenablage 2

Ein Dialog mit Monika Jiang von SOULWORX

Kürzlich hat mich Monika – sie nennt sich selbst „Millenial Activist“ –  für das Projekt Humans Of New Work interviewt. Diese Gelegenheit wollte ich nicht ungenutzt lassen und habe ein paar Rückfragen zu der interessanten Kampagne gestellt, die mit vielen Artikeln und schönen Bildern von klugen Menschen für neue Formen des Arbeitens wirbt. Und nun also auch mit mir. Die Macherinnen möchten mit diesen Geschichten zur weiteren Verbreitung von New Work beitragen. Aber funktioniert das tatsächlich?

 

Andreas Schiel: Was ist eigentlich Sinn, Zweck und Inhalt Eures Projekts und Eurer Kampagne Humans Of New Work?

Monika Jiang: Zunächst zu unserer Agentur SOULWORX, die das Projekt initiiert hat und trägt. Es ist eine Strategieberatung für Kulturwandel und Neues Arbeiten mit Sitz in Hamburg und Berlin. Wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die den Anspruch haben, tatsächlich etwas an ihrer Art der Zusammenarbeit, an der Führung, ihrer Art der Kommunikation und Struktur- wie Prozessgestaltung zu verändern. Dabei legen wir einen Schwerpunkt auf den Menschen und fragen: Wie kann man das Potenzial der Menschen im Unternehmen fördern, freisetzen und nutzen? Durch diesen starken Fokus auf Individuen entstand bei uns die Idee, den einzelnen Menschen eine Stimme zu geben, ganz gleich ob es sich um Pioniere handelt, die schon lange Formen neuen Arbeitens leben, oder solche die gerade erst mit einer Idee oder einem Unternehmen starten. Es geht uns also allgemein um Menschen, die etwas Neues vorleben, die beispielhaft zeigen, wie unkonventionelle Formen des Arbeitens gelebt werden können.

Das ist die Intention, die wir mit Humans of New Work verfolgen. Seit März 2017 haben wir über 50 Stories veröffentlicht, hauptsächlich über Menschen aus dem Berliner Raum, aber auch einzelne z.B. aus den USA. Das Ziel dieser Stories ist es, zu inspirieren, Mut zu machen, neue Perspektiven aufzuzeigen. Darüber hinaus wollen wir Formate schaffen, in denen sich die Menschen austauschen können über neues Arbeiten.

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Monika Jiang, 25, Millennial Activist, möchte mit der Strategieberatung SOULWORX sowie freiberuflich die Arbeitswelt individualisieren und humanisieren. 

Andreas Schiel: Zu Beginn Eurer Kampagne für Humans of New Work habt ihr einmal geschrieben: „Wir wollen eine Demokratisierung von New Work“. Ich vermute mal, was ihr damit sagen wolltet, war: New Work soll in die Breite getragen werden, soll zum Massenphänomen werden. Oder?

Monika Jiang: Ja, auf jeden Fall. New Work wird derzeit von vielen als eine elitäre Bewegung wahrgenommen. Natürlich möchten wir zu einer Ausbreitung solcher Formen neuen Arbeitens beitragen und sie für eine große Zahl von Menschen zugänglich machen. Durch eine Crowdfunding-Kampagne, die wir gestartet haben, haben wir allerdings bemerkt, dass wir hier vielleicht noch nicht den richtigen Ansatz gefunden hatten, dass man stärker deutlich machen muss, warum New Work relevant ist und was die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen sind, um es voranzubringen.

Bei vielen Menschen muss man erst die Bereitschaft wachrufen, aus einer Position der Unzufriedenheit heraus auch tatsächlich etwas zu verändern, weil sie einfach keine Alternativen zu ihrer jetzigen Arbeitssituation sehen.

Andreas Schiel: Genau diese Frage möchte ich noch ein wenig vertiefen. Es ist leicht dahingesagt, aber tatsächlich bewegen wir uns, sowohl ihr als auch ich, in einer Art Blase, einem Milieu von Menschen, die New Work für hoch relevant halten. Ganz anders sieht es natürlich außerhalb dieser Blase aus. Was glaubt ihr, wie kann man diese Blase durchdringen und tatsächlich eine Breitenwirkung für die Ideen neuen Arbeitens erreichen?

Monika Jiang: Als Erstes haben wir uns vorgenommen, die räumliche Begrenzung unserer ‚Blase‘ zu überschreiten, also auch einmal in andere Teile Deutschlands zu fahren und zum Beispiel mittelständische Unternehmen aufzusuchen und Transformationsprozesse hin zu neuem Arbeiten zu beschreiben, die dort stattfinden. Solche Ansätze mögen vielleicht auf den ersten Blick nicht so innovativ erscheinen wie andere, sind es aber durchaus, wenn man den Kontext betrachtet, in dem sie entstehen. Zum Zweiten ist es uns wichtig, Menschen tatsächlich zusammenzubringen, Dialog zu fördern und Austausch zu ermöglichen. Denn fehlendes Wissen führt zu Vorurteilen, zu Abgrenzung bishin zur falschen Wahrnehmung und Darstellung der Wirklichkeit. Das eigene Weltbild im Austausch mit anderen zu erweitern ist darum eine wichtige Aufgabe. Das kann auch Auseinandersetzung und Streit mit Menschen einschließen, die anderer Meinung sind, die mich kritisch hinterfragen. So kann man die eigene Blase verlassen.

Andreas Schiel: Diese Haltung ist mir sympathisch. Vielleicht liegt ja wirklich der Schlüssel darin, zu jenen eher konservativen mittelständischen Unternehmen in der Provinz zu gehen, die diejenigen Werte und Ideale, die in dem Begriff New Work mitschwingen, wirklich leben. Wir mögen das als ein urbanes ‚Berlin-Ding‘ wahrnehmen, das man schon an meinem Wohnort Düsseldorf nur noch in Ansätzen leben kann. Das trifft aber, glaube ich, vorwiegend auf Äußerlichkeiten zu und weit weniger auf die Substanz von New Work.

Mich treibt allerdings eine andere Sorge um: Es gibt auch Unternehmen, insbesondere Konzerne, die den Begriff New Work instrumentalisieren. Ich habe schon im vergangenen Jahr hier auf meinem Blog eine Studie von Deloitte kommentiert, die in New Work eigentlich nur Effizienpotenziale und eine Möglichkeit zur Erhöhung des Profits erblickt. In vielen Konzernen wähnt man sich ja geradezu im Krieg, oder jedenfalls in einer ständigen Konkurrenz um Geld.

Ihr habt mit Humans of New Work ein schönes, ein sympathisches Projekt gestartet. Aber wie geht ihr mit dieser ‚dunklen Seite‘ des New Work um?

Monika Jiang: Das ist ein spannendes Thema. Vielfach wird ja der Sinn einer Unternehmung dem finanziellen Profit gegenübergestellt, den man aus ihr ziehen kann. Ich glaube nicht, dass das zwei Dinge sind, die sich zwingend gegenseitig ausschließen. Natürlich müssen Berufstätige und Unternehmen auch einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten, damit unser System weiter funktioniert. Die Frage ist, auf welche Weise sie das tun. Wenn der Sinn, der purpose bei einer Unternehmung das Maßgebliche ist und dieser Sinn ein konstruktiver ist, dann finde ich es gut und legitim, wenn damit auch Geld verdient wird. Sicherlich muss man die Frage stellen, wo der Sinn eines Unternehmens liegen kann, wenn es sich destruktiv verhält, die Gesellschaft schädigt und einen negativen Einfluss auf die Politik ausübt. Aber ich glaube, da gibt es einen Wertewandel, dass viele Menschen und hierbei insbesondere die jüngere Generation der Arbeitnehmer/innen nicht zufrieden damit sind, wenn ein Unternehmen einfach nur viel Geld mit bloß vermeintlich guten Dingen verdient. Die fragen dann vielleicht: Für wen möchte ich arbeiten und mit welchen Mitteln? Möchte ich mich diesem ‚Krieg‘ eigentlich aussetzen? Ich glaube allerdings nicht daran, dass sich bestimmte Konzerne und Branchen einfach von selbst ändern werden. Sondern wir müssen schauen, wie wir zu solchen Akteuren ein Gegengewicht schaffen können, mit Unternehmen die neu entstehen, oder die tatsächlich bereit sind zu einer grundsätzlichen Transformation.

Andreas Schiel: Wie verhindern wir, dass New Work eine Mode bleibt? Schon in den 1980er Jahren gab es ja eine gewisse Begeisterung für das Konzept, das selbst sogar noch älter ist. Wie können wir dazu beitragen, dass das nicht nur ein Hobby und vorübergehendes Phänomen bleibt?

Monika Jiang: Zum Einen habe ich das Gefühl, dass wir da noch am Anfang stehen, weil eine große Zahl von Menschen erst noch für diese Ideen gewonnen werden muss. Ein wichtiger Treiber ist sicherlich die Arbeit direkt innerhalb der Wirtschaft, wo wir versuchen, Veränderungen anzustoßen und Beispiele zu setzen. Ein anderer Treiber ist aber sicherlich auch das Bildungssystem, das sich verändern muss. Dort müssen die richtigen Rahmensetzungen vorgenommen werden, damit Menschen anders ausgebildet werden, dass Menschen einen anderen Bezug zur Arbeit bekommen. Und auch die Politik muss diese Entwicklung fördern. Es sind eben viele unterschiedliche Akteure in diesem Prozess beteiligt, die zusammenwirken müssen. Ich glaube nicht, dass wir nur über unsere Artikel und unsere Arbeit diese Veränderung allein bewirken können.

Andreas Schiel: Das klingt jetzt ein bisschen trivial, aber auch die Vernetzung, die wir mit einem solchen Austausch hier erreichen, ist wichtig. Ich finde es übrigens auch wichtig, dass Menschen mit unterschiedlichen Herangehensweisen sich diesem Thema widmen. Ich kenne auch Leute, die wesentlich kritischer mit der Thematik New Work umgehen. Ich glaube, beide Ansätze sind wichtig und wertvoll: Das Schlechte und Fragwürdige zu kritisieren und zu bekämpfen, aber eben auch das zu zeigen und zu befördern, was gut ist oder noch gut werden kann. In dem Sinne vielen Dank für das spannende Gespräch!

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